Ich weiß nicht, warum der Islam an erster Stelle steht. Dazu habe ich nur sehr unangenehme Assoziationen, die nichts mit dem wissenschaftlichen Anspruch des Buches zu tun haben. Ich weiß auch nicht, warum das Judentum im Titel nicht vorkommt. In neun Beiträgen beschäftigen sich zwei katholische, zwei evangelische Theologie-Professoren und ein muslimischer aus Johannesburg mit Gewalt predigenden Texten aus Altem und Neuem Testament und dem Koran.Dazu kommen fünf ebenso paritätisch verteilte wissenschaftliche Mitarbeiter. Das Buch ist in der von dem in Paderborn lehrenden katholischen Theologen Klaus von Stosch herausgegebenen Reihe „Beiträge zur komparativen Theologie“ erschienen. Ich habe gerne in diesem Band gelesen. Es ist ein sehr intelligentes Buch. Das ergibt sich gewissermaßen von selbst. Denn selten muss ein Mensch seinen Verstand mehr anstrengen, als wenn er erläutern muss, warum etwas, das er für völlig verkehrt hält, doch ernst zu nehmen, ja in gewissem Sinne wahr ist. „Tötet sie, wo ihr sie trefft“ heißt es in der zweiten Sure des Korans. Das klingt schlimm, ist aber, blickt man auf den Zusammenhang, doch deutlich milder gemeint. Der Abschnitt liest sich so: „Kämpfet für Allahs Sache gegen jene, die euch bekämpfen, doch überschreitet das Maß nicht, denn Allah liebt nicht die Maßlosen.Und tötet sie, wo immer ihr sie trefft, und vertreibt sie von dort, von wo sie euch vertrieben; denn Verfolgung ist ärger als Totschlag… Wenn sie jedoch ablassen, dann ist Allah allvergebend, barmherzig.“ Die Gewaltparole ist schon im Heiligen Text selbst eingebettet in ein Zähmungsprogramm. Das ändert natürlich nichts daran, dass, vorausgesetzt es geschieht nicht maßlos, das „tötet sie, wo ihr sie trefft“ wahr bleibt. Wem das selbst als maßlos erscheint, der wird seine Zweifel haben an Allah dem Allvergebenden. Aber, so versucht die muslimische Interpretation dieses Textes klarzumachen, Gewalt, wenn sie denn einmal nötig ist, muss immer gehegt werden. Es müssen Regeln eingehalten werden. Die schwierigste Aufgabe hat Andreas Michel, der katholische Professor für Biblische Theologie an der Universität Köln übernommen. Er interpretiert die „Gewalt bei der Landnahme Israels“ und setzt sich dabei mit Texten des Alten Testamentes, darunter auch mit der von Gregor VII. mobilisierten Samuelstelle auseinander. Michel beginnt mit folgendem Zitat: „Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt – Hetiter, Girgaschiter und Amoriter, Kanaaniter und Perisiter, Hiwiter und Jebussiter, sieben Völker, die zahlreicher und mächtiger sind als du -, wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schließen, sie nicht verschonen und dich nicht mit ihnen verschwägern…“ (5. Buch Mose 7, 1-3). Auch wenn man weiter liest, wird nicht zur Mäßigung aufgerufen. Es bleibt bei dem Vernichtungsbefehl. Andreas Michel weist darauf hin, dass das nicht die einzige Stelle ist, an der Gott diese Art von Krieg befiehlt. Er stellt ganz richtig fest: „Völkerrechtlich gesehen steht in Deuteronomium 7 eine Aufforderung zum mehrfachen Genozid mit göttlicher Autorität.“ Danach beginnt das, was Michel wohl eine historische Textanalyse nennt. Hier spricht, so sagt er, nicht der historische Mose. Der Text ist lange nach der Landnahme entstanden. Michel schließt sich auch den Untersuchungen der kritischen Archäologen an, die bei ihren Ausgrabungen keine Belege für die kriegerische Landnahme gefunden haben. Das 5. Buch Mose beschreibt also nicht die Realität. Ich muss gestehen, als ich die Untersuchungen von Israel Finkelstein und Neil A. Silberman las, fand ich die biblischen „Berichte“ von der Ausrottung der Völker noch schlimmer. Wenn sie kein Reflex einer mörderischen Wirklichkeit waren, dann tobte sich hier am Anfang des jüdischen und des christlichen Glaubens eine mörderische Fantasie aus. Das Land gehörte den Israeliten, nicht, weil sie es bebauten, nicht weil sie Wüste in blühende Landschaften verwandelt hatten, sondern es war ihr Land, weil sie – aus Gottesgehorsam – ganze Völker niedergemetzelt hatten. Der Exeget weist darauf hin, dass die symbolisch aufgeladene Siebenzahl die Sache doch verdächtig mache, sie ins Märchen verweise. Einige der angeführten Völker seien außerbiblisch nicht greifbar. Andere allerdings sind es offenbar sehr wohl. Und was von all diesen Geschichten ist überhaupt außerbiblisch greifbar? Michel zitiert ausführlich eine moabitische Stele, auf der der Moabiterkönig für sich reklamiert, Israel und die Isrealiten ausgerottet und seinem Gotte dargebracht zu haben. Von daher und unter Heranziehung der oben zitierten Samuelstelle, an der der Prophet ja König Saul vorwirft, nicht wirklich alles feindliche Leben ausgerottet zu haben, findet Michel jetzt doch plausibel, dass es solche Vernichtungsfeldzüge gegeben habe. Dann kommt ein Hinweis auf das Vaticanum II, das die Bibel „als Gotteswort in Menschenwort“ auffasst. Das Wort des lebendigen Gottes hat also Unterschlupf gefunden in assyrischen Bildern von Krieg und Gotteshandeln. Man müsse die selbstkritische Note bei den Gewalttexten beachten. Die ja bekanntlich darin besteht, dass der Gott Israels Israel anklagt, den Vernichtungskrieg nicht konsequent genug geführt zu haben. Aber der katholische Theologe hat Trost parat: So schlimm sei das alles ja auch ganz offensichtlich nicht gemeint, sonst würde doch nicht nach der Vernichtung noch das Sich-Verschwägern verboten. „Tote kann man nicht heiraten“, vermerkt Andreas Michel. Ich mag nicht mehr. So viel Differenzierungskunst und so wenig Empörung!


Gewalt in den heiligen Schriften von Islam und Christentum, herausgegeben von Hamideh Mohagheghi und Klaus von Stosch, Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, 186 Seiten, 24,90 Euro.