Anfragen für filmische Adaptionen seines 1500-Seiten Romans „Die Wohlgesinnten“ lehnt Jonathan Littell ab. Zu groß scheint ihm wohl die Gefahr, dass die Komplexität seines Versuchs über das Böse in handliche Einzelteile zerlegt und verkitscht werden könnte. Nun hat er selbst einen Film gemacht. „Wrong Elements“ ist keine Verfilmung des eigenen Romans, es geht um Afrika, nicht um den Holocaust. Dennoch kreist er um die gleichen Abgründe. Dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt, macht das Ganze noch beklemmender.

Littell weiß, wovon er berichtet. Er ist ein Weltreisender in Sachen menschlichen Frevels. Der 1967 in New York Geborene, neben Englisch auch fließend Französisch, Russisch und Spanisch Sprechende, hat für Hilfsorganisationen in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan und im Kongo gearbeitet. 

Terror in reinster Form

Später berichtete er als Journalist aus Südossetien, Mexiko, Syrien und dem Südsudan. In den Jahren 2010/11 erschienen dann zwei lange Reportagen über die ugandische Rebellenarmee Lord’s Resistance Army (LRA). Diese Recherchen bilden die Grundlage für seinen Dokumentarfilm „Wrong Elements“, der jetzt in die deutschen Kinos kommt.

Der Film führt den Zuschauer 130 Minuten lang ins nördliche Uganda, ins Zentrum des afrikanischen Kontinents. Im Grenzgebiet zwischen Südsudan und dem Kongo operiert dort seit 1989 die von Joseph Kony mit dem Ziel gegründete LRA, einen mystisch inspirierten Gottesstaat zu etablieren, der einst strikt nach den Zehn Geboten regiert werden soll. 

Nach einem spirituellen Erweckungserlebnis versetzte sich Kony immer wieder in Trance, um von diversen Geistern Befehle für sein Tun entgegennehmen zu können. Das Ergebnis seiner Erleuchtung war Terror in reinster Form.

Vertreibung und Massaker

Im Namen der Zehn Gebote wurden seither schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen vertrieben. Zehntausende wurden massakriert. Berüchtigt ist die LRA auch wegen der Zwangsrekrutierung von zirka 60000 Heranwachsenden, die dann als Kindersoldaten und Sexsklavinnen missbraucht wurden. Inzwischen gelang es der Regierungsarmee, die LRA zu zerschlagen.

Sie operiert heute nur noch in kleinen, versprengten Verbänden. Bis auf wenige Kommandanten wurden ihre überlebenden Mitglieder amnestiert. Gegen Joseph Kony selbst laufen Ermittlungen am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Er ist weiterhin flüchtig.

Sympathische Mörder

Jonathan Littell konnte das Vertrauen von vier ehemaligen Angehörigen der LRA gewinnen, die allesamt selbst als Kinder gekidnappt worden waren. Mit ihnen bereist er noch einmal die Regionen, in denen sie einst als sogenannte Rebellen zu Marodeuren wurden. Die immer noch jungen Männer sind sympathisch – dass sie tatsächlich massenhaft getötet haben, daran lassen sie im Gespräch allerdings niemals Zweifel. Sie wurden von Opfern zu Tätern, und sind als Täter doch gleichzeitig auch Opfer. Lässt sich diese unheilvolle Verquickung jemals auflösen?

Um diese Fragen geht es Littell. Kinder verkörpern die Hoffnung. Doch was wird aus der Hoffnung, wenn die Kindheit bereits frühzeitig durch unvorstellbare Gewaltakte kontaminiert wurde? Kann es danach noch eine Existenz in funktionierenden sozialen Gefügen geben? Littell kehrt mit Geofrey, der zentralen Person des Films, in eines der von der Ancholi-Volksgruppe bewohnten Dörfer zurück. Hier fanden einige der brutalsten Übergriffe durch die LRA statt. Geofrey trifft auf eine alte Dorfbewohnerin. Es ist sehr wahrscheinlich, dass er zu den Mördern ihrer Kinder gehört. Die Beiden sprechen miteinander: ein großer Moment.

Ausführlich gezeigter Exorzismus

Zur Gruppe der jungen LRA-Veteranen gehört auch Lapisa, eine Frau. Sie wurde als 13-Jährige an einen der Kommandanten verschenkt und später an andere Kombattanten weitergegeben. Um sie von den bösen Geistern zu befreien, lädt ihre Familie eine Heilerin ein. Der nachfolgende Exorzismus wird ausführlich gezeigt. Jonathan Littell beweist auch in dieser Szene, dass er den Gratwanderungen seines Unterfangens stets gewachsen ist. Er protokolliert das Geschehen, erklärt nichts. Er enthält sich jeder Wertung oder Ästhetisierung. Dennoch sind seine Bilder voller Empathie, auch weil sie im eher traditionellen 4:3-Format aufgenommen wurden. 

Bei all dem ist es schwierig, dem Exotismus zu entkommen – der westliche Blick bleibt zwangsläufig ein Draufblick. Es ist deshalb auch nur konsequent, dass bei den dörflichen Alltagsaufnahmen nicht mit afrikanischer Musik Authentizität vorgegaukelt wird, sondern die schwebenden Klänge des Barock-Komponisten Heinrich Ignaz Franz Biber zu hören sind.