Gewaltforscher Jörg Baberowski über die Kölner Silvesternacht: „Es wird ungemütlich bei uns“

Herr Baberowski, Sie sollen auf der phil.cologne in einer Diskussion gesagt haben, ein Problem der Silvesternacht habe darin bestanden, dass deutsche Männer sich nicht mehr prügeln könnten.

Ich habe etwas anderes gesagt. Ich habe nicht von deutschen Männern, sondern von Männern in Deutschland gesprochen. Das ist etwas anderes. Ein Mann in Deutschland kann auch ein Einwanderer sein, der hier aufgewachsen ist. Ich wollte eigentlich nur sagen, dass sich Menschen in befriedeten Gesellschaften mit staatlichem Gewaltmonopol nicht mehr prügeln müssen, weil sie sich auf die Polizei verlassen können. Deshalb habe ich hinzugefügt: Gott sei Dank ist es auch so. Ich möchte nicht, dass Männer sich prügeln. Wir alle wollen das nicht.

Und wenn das staatliche Gewaltmonopol nicht greift?

Wenn der Staat sich aus zentralen Bereichen der Ordnungserzwingung zurückzieht, entsteht ein gewaltoffener Raum. Die Ereignisse in der Silvesternacht haben gezeigt, was es bedeutet, wenn der Staat zwar präsent ist, aber keine Zähne mehr zeigt. Wir vertrauen den Institutionen des Staates. Wenn sie aber nicht tun, was wir von ihnen erwarten, sind wir verunsichert und wissen nicht, wie wir mit Gewalt umgehen sollen. In Russland vertraut kaum jemand dem Staat und seiner Polizei. Mit diesem Wissen kann man sich auf Gewalt anders einstellen.

Dort hätten sich die Männer vor die bedrängten Frauen gestellt?

Das ist ja auch passiert. Einige Wochen nach den Ereignissen in Köln gab es Übergriffe durch arabische Migranten in Murmansk. Am Ende wurden die Angreifer von russischen Männern verprügelt. Niemand wartete auf den Staat, und am Ende gab es dennoch eine klare Botschaft, die die Täter verstanden haben.