Es ist ein bemerkenswerter Vorgang. Da lädt die Rosa-Luxemburg-Stiftung zu einer Diskussion über das Staatsballett mit dem Titel „Warum streiken die denn?“, Namen der anwesenden Tänzer sollen bitte, bitte nicht genannt, Fotos nicht gemacht werden. Was soll das? Schließlich geht es um nichts Geheimes, nur um die tarifliche Auseinandersetzung zwischen der Opernstiftung Berlin als Arbeitgeber und den 80 Tänzern des Staatsballetts. Alltag im Arbeitsleben.

Ist es ganz und gar nicht. Allein die Tatsache, dass die Tänzer ihre Rechte einfordern und dafür acht Vorstellungen ausfallen ließen, ist neu. Sie fordern etwa ihrem Beruf angepasste Arbeitszeitregelungen oder Zulagen, wie sie die Orchestermusiker, aber auch Chorsänger längst erstreiten konnten. Die Tänzer aber haben meist klaglos hingenommen, was die Opernstiftung anbot. Wieso das so ist, wird an dem Abend deutlich. „Wir kommen aus der ganzen Welt“, sagt einer der zwei Tänzer, die auf dem Podium Platz nahmen. „Die meisten sind sehr jung und nur froh, dass sie tanzen dürfen.“ Mit dem Wissen, dass ihre Karriere nach zehn, fünfzehn Jahren ohnehin zu Ende ist. Ihre Verträge sind befristet und können zum Oktober jedes Jahres aufgelöst werden. Vor diesem Hintergrund überlegt sich jeder zweimal, dem Arbeitgeber zu widersprechen, erst recht in der Öffentlichkeit.

Im Interesse der Tänzer

Daher haben sich die Tänzer gewerkschaftlich organisiert. „Verdi war bereit, uns zu helfen und hat uns zugehört“, sagt einer der Tänzer. Deren Vertreterin, Sabine Schöneburg, sitzt neben ihm. Mit Engagement hat sie Partei für die Tänzer ergriffen, hat Probleme analysiert und mit den Streikaktionen deren Beseitigung in einem Haustarifvertrag gefordert – wie ihn die Staatskapelle übrigens schon hat.

Die Opernstiftung aber weigert sich, mit den Vertretern ihrer Tänzer zu verhandeln. Wie kann das sein? Traditionell wird das Ballett von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und der Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer (VdO) mit vertreten. Diese haben den geltenden Flächentarifvertrag, NV Bühne genannt, ausgehandelt, mit dem das Staatsballett so unzufrieden ist. Also wählten sich die Tänzer einen anderen Fürsprecher. Das lassen die Künstlergewerkschaften nicht auf sich sitzen. Ein Vertreter des VdO, Heiner Boßmeyer, meldet sich zu Wort. „Wir sind zuständig“, ist die Quintessenz seines wortreichen Beitrags. Die Opernstiftung weiß er hinter sich. Noch. Jeder kann seine Vertreter frei wählen. Das nennt sich Koalitionsfreiheit. An diesen Gedanken sollten sich Opernstiftung und Künstlergewerkschaften gewöhnen. Allein schon im Interesse der Tänzer.