Die ihm gewidmete Hommage des Konzerthauses hat der große Geiger Gidon Kremer nicht dazu genutzt, seine eigene geistige Welt zu entfalten, wie das einige Jahre vorher der Pianist Alfred Brendel beim selben Anlass tat. Natürlich, auch Kremers Programm zeugt von ihm und seinen künstlerischen Idealen, aber den Mittelpunkt ließ er doch einem anderen: dem Komponisten Mieczysław Weinberg, dessen Geburtstag sich am 8. Dezember zum hundertsten Male jährt. Seit einiger Zeit wird dem in Polen geborenen und 1996 in Russland gestorbenen Komponisten gesteigerte Aufmerksamkeit zuteil, und Kremer ist einer der Protagonisten dieser Entdeckung.

Warum muss dieser Komponist erst entdeckt werden, während andere osteuropäische Kollegen wie Sofia Gubaidulina, Alfred Schnittke oder Arvo Pärt hier einträgliche Erfolge hatten und haben?

Ist Weinberg ein zweitklassiger Schostakowitsch?

Es hat vielleicht doch etwas mit Stil zu tun. Auch nach der Wahrnehmung von drei Hommage-Konzerten mit Weinberg-Musik fällt es schwer, das geläufige Urteil über Weinberg als „zweitklassigem Schostakowitsch“ als völlig unberechtigt zu verwerfen. So mögen Weinbergs Violinsonaten zwar ganz anders ausfallen als die einzige von Schostakowitsch – aber der epische Strom der Fünften, die Kremer mit Martha Argerich am Dienstag aufführte, kommt von dort und auch das Vermögen, die musikalische Entwicklung an sehr einprägsamer Melodik zu exerzieren.

Im selben Konzert spielte Kremer auch Weinbergs erste Sonate für Violine allein: Ein gewaltiges Werk von ebenfalls symphonischem Zuschnitt, mit Märschen, Klagegesängen und einer in ihrer Kühnheit beeindruckenden Schreibweise für das Instrument.

Am Donnerstag führte die Kremerata Baltica unter Leitung von Mirga Gražinyte-Tyla Weinbergs Zweite Symphonie für Streichorchester auf, ein melodisch höchst elaboriertes Werk, an dem indes der expressive Rahmen Schostakowitschs in keinem Moment erweitert erscheint – wenn Lucas Debargue danach mit etwas hakliger Technik Schostakowitschs Erstes Klavierkonzert spielt, hört man deutlich direkter komponiertes, das aber zugleich hintergründiger wirkt.

Eschenbach überlässt die Musiker ihrem Glück

Das wiederholt sich am Freitag mit dem Konzerthausorchester: Weinbergs Violinkonzert spielt Kremer deutlich altersgeklärt, das Tempo in den beiden Marschsätzen zu Beginn und am Schluss des Werkes wirkt gebremst, das Energische dieser Musik interessiert ihn nicht mehr so sehr, der hauchige, durchschimmernde Ton seiner diskreten Amati-Violine herrscht vor. Weil Christoph Eschenbach am Pult des Konzerthausorchesters in der Begleitung ebenfalls auf klare Konturen verzichtet, mehr mit dem Lesen des Stückes beschäftigt zu sein scheint und die Musiker meist ihrem Glück überlässt, bleibt der Eindruck schwach.

Auch hier ist mit Schostakowitschs Fünfter diese Blässe wie fortgeblasen. Einen ganz intuitiven Zugang scheint der neue Chefdirigent zu diesem Werk zu haben, in dem Schostakowitsch zu einer Gefühlsmusik romantischer Prägung zurückkehrt. Wie Eschenbach und das Orchester mit seiner seit Kurt Sanderling währenden Schostakowitsch-Tradition den tragischen Sinn dieser Musik erfassen und die Aufführung zu einem erzählerischen Ganzen formen, das fesselt unmittelbar.

Gewiss, Aufführungstraditionen begünstigen in diesem Fall Schostakowitsch und benachteiligen Weinberg. Und „zweitklassig“ ist Weinbergs Musik gegenüber der Schostakowitschs gewiss nicht im Sinne geringerer Qualität, sondern im Sinne künstlerischer Priorität: Für den mit Schostakowitsch vertrauten Hörer gehen von dieser Musik kaum Impulse aus, sie erobert sich keine entscheidend neue technische Dimension.

Und dann spaziert der Künstler durch den Saal

Solche Fragen jedoch scheinen Gidon Kremer gleichgültig zu sein: Seine vielbeschworene Suche nach dem „Existenziellen“ in der Musik wird als eine Suche nach etwas Inhaltlichem verstanden, das scheinbar unabhängig von Struktur artikulierbar ist. Wie Kremer Werke von Luigi Nono uraufführen und sich zugleich für die Musik des kürzlich gestorbenen Georgiers Gija Kantscheli engagieren konnte, deren dürftige Strukturen den Ausdruck von Traurigkeit angesichts eines verlorenen Kinderparadieses beglaubigen sollen – auch in dem Stück „Der gelbe Knopf“, mit dem das Kremerata-Konzert begann –, ist kaum zu begreifen.

Von ähnlicher Gleichgültigkeit scheint das Auftragswerk für diese Hommage geprägt, Victor Kissines vom Konzerthausorchester unter Eschenbach uraufgeführte „Another Question“. Die Streicher der „Kremerata“ wurden hier am anderen Ende des Saales aufgestellt; für Echoeffekte und als Klangschleier für das Orchester auf dem Podium. Charles Ives’ „Unanswered Question“ greift Kissine damit auf, ohne dessen Dramatik zu erreichen.

Eher komische Züge hat es, wenn zum Ende des Stückes Gidon Kremer durch den Mittelgang nach vorne schreitet, dabei einen einzigen Flageolett-Ton aushaltend, den er mit einem Kiekser auf der höheren Nebennote zum Abschluss bringt – um danach in der Tür neben dem Podium zu verschwinden.