„Ginger & Rosa“: Wenn die Bombe platzt

Ginger und Rosa werden im selben Londoner Krankenhaus geboren, am selben Tag im Jahr 1945. Während ihre Mütter in den Wehen liegen, lässt US-Präsident Harry Truman Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki werfen. Ein Ereignis, das die Neugeborenen nachhaltig beeinflussen wird – so viel suggeriert die Regisseurin Sally Potter in den ersten Sekunden von „Ginger & Rosa“, in denen sie Atompilz-Explosionen gegen Szenen aus der Kindheit der Mädchen schneidet. So richtig kennen lernen wir Ginger und Rosa 1962, als sie längst beste Freundinnen sind. Auf dem Höhepunkt der Kuba-Krise rauchen sie gemeinsam ihre ersten Zigaretten, kleiden sich wie Zwillinge und schwänzen die Schule, um ans Meer zu trampen.

Während Ginger Dichterin werden möchte, testet Rosa ihre Reize an wildfremden Jungen. Über jegliche intellektuelle Diskrepanz hinweg eint sie ihre Überzeugung: Beide rebellieren gegen die Eltern und träumen von einem aufregenderen Leben. Einem, in dem die Gefahr eines nuklearen Kriegs Geschichte ist. Vor allem wollen sie nicht so werden wie ihre Mütter, die schon als Teenager schwanger geworden sind.

Gingers Mutter Natalie (Christina Hendricks) leidet unter der notorischen Untreue des Pazifisten Roland, der für seine Tochter existenzialistische Weisheiten parat hat. Doch Sätze wie „Das einzige Leben, das wir haben, findet jetzt statt“ ermutigen Roland nur, das Leben bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu genießen. Der promiske Lebenskünstler lässt sich sogar von Gingers bester Freundin verführen.

Verrat als prägendes Schlüsselerlebnis

Der Verrat ist ein prägendes Schlüsselerlebnis in Potters Drama über Freundschaft und die Frage, für welche Werte es sich zu kämpfen lohnt. Frieden und freie Liebe – wunderbar. Aber der Sandkastenfreundin beim Sex mit dem eigenen Erzeuger lauschen? Die Seelenverwandte wird zur Konkurrentin. Und letztlich zerbrechen die Beziehungen am massiven Vertrauensverlust. Ein Ventil für ihre Wut findet Ginger im Aktivismus: „Ban the Bomb!“ lautet ihr Motto.

„Für mich ist die Kubakrise die zentrale Verbindung zwischen der inneren und der äußeren Welt der Figuren – und zeigt, wie einem die meisten private Krisen angesichts solch globaler Entwicklungen nicht mehr so ausweglos erscheinen“, sagt Potter über ihren Film. Bei Ginger vermischt sich all das. Zorn, Trauer und Enttäuschung zerfließen in einer diffusen Angst vor dem Weltuntergang. Fast gehen die politischen Ambitionen trotz aller historischen Bezüge unter in ihrem Verlustschmerz. Rosa will Roland retten, Ginger die Welt.

Buchstäbliches Vergnügen beim Zuschauen bereitet hier allerdings einzig die großartige Besetzung. Allen voran die Ginger-Darstellerin Elle Fanning. Aber auch Alice Englert sollte man sich merken: Die Tochter der Oscar-Gewinnerin Jane Campion, derzeit auch in „Beautiful Creatures“ im Kino zu sehen, gibt Rosa genau jene wehmütige Mixtur aus Zerbrechlichkeit und Härte, die in der Pubertät so manchen Elternteil verzweifeln lässt. In den 1960ern wie heute.

Ginger & Rosa GB u. a. 2012. Regie & Buch: Sally Potter; 90 Minuten, Farbe. FSK o. A.