Berlin - Es ist eins dieser Leben, das von außen betrachtet so glamourös wirkt: Der reiche Mann, die gut in Schuss gehaltene blonde Frau an seiner Seite, die Überflüssigkeit zu arbeiten, ein Spontanausflug an die Costa Smeralda, die Beutezüge durch die Feinschmecker-Etage im KaDeWe, der bevorzugte Tisch in der Paris Bar. Es sind die richtigen Stichworte zum Angeben, bis hin zur standesgemäß ausgestatteten Wohnung in Berlin-Mitte, in der sogar die Schälchen, mit denen den Dinnergästen Drogen angeboten werden, aus edlem KPM-Porzellan sind.

Auf der falschen Seite der Dreißiger

Die Illusion des Lesers, auf die Gesellschaftsseiten eines Hochglanz-Magazins mitgenommen worden zu sein, ist da schon lange dahin. Dieses Buch handelt nämlich nur von einem – von denen, die „elegant süchtig“ sind, die niemals vor die Tür, sondern in die Toilette von Villeroy & Boch kotzen. Der Kater und seine Behandlung nach der wohl millionsten Party – diese Szene eröffnet „Giraffen“, den Roman der Journalistin Anne Philippi. Eva, die Ich-Erzählerin auf der falschen Seite der Dreißiger, versucht, die Spuren der Nacht verschwinden zu lassen: „Für Durchblutung habe ich keine Zeit.“

Langeweile wird zur tödlichen Krankheit

„Steinmüde“ sei sie, nach Jahren an der Seite Henrys, der kein Ende kennt beim Feiern, der von zig Weizenbier zu viel am Tag zu viel zu viel Schnaps (für Eva Calvados) am Nachmittag übergeht und nach dem Kokain auf dem Restaurantklo den Besuch eines Neuköllner Pornokinos befiehlt. Ein Zurück für Eva, die job- und ambitionslos an Henrys Leben klebt, gibt es nicht – in diesem luftdichten Kosmos, in dem man sich „darauf geeinigt hat, dass Langeweile etwas wirklich Schlimmes ist, eine tödliche Krankheit“.

Eva taumelt durch die Stadt, kommt im Urlaub abhanden, sprengt mit Gewalt Partys, landet mit dem erstaunlich verwitterten Stammgast einer abgewrackten Kneipe im Bett. Und bleibt dabei so teilnahmslos im Ton und eisig im Herzen, wie es sich gehören würde für eine Edelprostituierte, von der sich ihr Dasein freilich kaum unterscheidet, denn auch sie wird ausgehalten. Vielleicht funktioniert ihre Kälte als Schutz vor dem Leiden, andererseits liest sich das über lange Strecken bloß wie der Monolog von Menschen, die Kokain genommen haben. Und nur sich selbst noch wahrnehmen können.

Anne Philippi: Giraffen Rogner & Bernhard, Berlin 2015. 200 S., 19,95 Euro.