Bertolt Brecht hatte lange das Gesicht einer Dame: das von Gisela May. Ihr lakonischer, preußischer Glamour hat in der Welt viele Jahrzehnte die Vorstellung davon geprägt, wie sich Brechts Lieder anfühlen müssen: Eindringlich, sinnlich, anprangernd. Dabei hat die May das Pathos der Agitation auf Salonformat heruntergekühlt – auf eine Tonlage, die eher nach Marlene Dietrich klang als nach Ernst Busch. Ihre Glaubwürdigkeit bezog die May aus dem moritatenhaften Understatement, mit dem sie die Lieder von Krieg und Tod, Soldaten- und Arbeitermüttern, Hinrichtungen und anderen Gräueltaten vortrug.

Die Lieder der diversen Brecht-Gossen-Girlies, Marke Seeräuber-Jenny, selbstredend auch. Diseuse, Chansonette lauten die gängigen Berufsbezeichnungen für Gisela May. Dabei war sie eine große Schauspielerin, die die Kunst, Texte so zu sprechen, dass man meint, den Dichtern beim Denken zuhören zu können, auf ihren Gesang übertrug: Wörter und Sätze filetierte sie messerscharf und warf sie nahezu sachlich in den Zuschauerraum.

Zum Singen ist Gisela May fast aus Versehen gekommen: 1957 am Deutschen Theater, wo der damalige Intendant Wolfgang Langhoff ein halbes Jahr nach Brechts plötzlichem Tod eine Gedenk-Matinee mit Liedern und Texten zusammenstellen wollte. Langhoff hatte die May 1951 ans Deutsche Theater geholt, wo sie bald eine der prägenden Schauspielerinnen des Ensembles war. Und da stand sie plötzlich, im letzten Moment für eine Kollegin eingesprungen, neben Ernst Busch, Wolfgang Langhoff und Wolfgang Heinz; sie sang und rezitierte Brecht – und war die Sensation dieses Programms, mit dem das Deutsche Theater in den nächsten Jahren durch Europa touren sollte. Für die musikalische Einrichtung war der Komponist Hanns Eisler zuständig, der damals am Deutschen Theater die Bühnenmusik für Langhoffs Inszenierung des Revolutionsdramas „Sturm“ schrieb. Eisler fand in Gisela May die ideale Sängerin für seine Lieder. Ihre internationale Karriere als Brecht-Interpretin kam nach einem Gastspiel am Mailänder Teatro Piccolo in Gang, wo Giorgio Strehlers Kompagnon Paolo Grassi sie zu einem Solo-Abend ermutigte.

Gisela May wurde 1924 im hessischen Wetzlar geboren. Ihre Mutter war Schauspielerin, ihr Vater der sozialdemokratische Schriftsteller Ferdinand May, der historische Romane schrieb, darunter einen, der das Attentat von Sarajevo aus der Perspektive einer Gruppe junger Bosnier um Gavrilo Princip beleuchtet: Dessen Schüsse auf den österreichischen Thronfolger lösten 1914 den Ersten Weltkrieg aus. Ihre Jugend verbrachte Gisela May in Leipzig, wo sie zwischen 1940 und 1942 eine Schauspielausbildung machte. Nach 1945 war ihr Vater zeitweilig Chefdramaturg der Leipziger Bühnen. Ihr drei Jahre älterer Bruder fiel 1943 im Krieg.

Gisela May war Weltbürgerin und überzeugte DDR-Bürgerin in einem. Sie war verheiratet mit Georg Honigmann, dem Vater der Schriftstellerin Barbara Honigmann. Nach dessen Entlassung aus der Haft lebte sie viele Jahre mit Wolfgang Harich zusammen. 1978 übernahm sie von Helene Weigel die Rolle der Mutter Courage. Zum Berliner Ensemble gehörte sie bereits seit 1961.

Dort wird sie 1992 entlassen. Und fängt noch mal von vorn an. Hochpopulär ist sie als „Muddi“ von Evelyn Hamann in der TV-Serie „Adelheid und ihre Mörder“. In den letzten Jahren ist sie immer wieder eine gefragte Zeitzeugin gewesen: Glasklar, und mit der ihr eigenen Unbestechlichkeit. Ihre Autobiografie ist mit dem Brecht-Satz aus dem Lied von der Moldau „Es wechseln die Zeiten“ überschrieben. Am 31. Mai wird Gisela May 90 Jahre alt.

Hommage an Gisela May in Liedern, Worten, Filmsequenzen: 10. 6., 19.30 Uhr, Kino Babylon-Mitte. Mit Gisela May.