Auch eine Art Heilsbringer. 2006 erschien John Lennon auf einer Briefmarke der Deutschen Bundespost.
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Derzeit wird als Trost in der Corona-Krise wieder einmal Hölderlin empfohlen: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“. Verse aus der Patmos-Hymne des Jahres 1803. Ihnen gehen diese voran: „Nah ist und schwer zu fassen der Gott“. Die politischen Hoffnungen der frühen 1790er-Jahre waren enttäuscht worden, und Hölderlin hatte sich von der Revolution, diesem Menschenwerk, abgewandt und war wie viele seiner Zeitgenossen auf die Suche gegangen nach dem Ort Gottes in der Geschichte. Das ist ein sich – vielleicht nicht nur – in Europa stets wiederholender Vorgang.

Hölderlins Verse stimmen natürlich auch umgekehrt: Wo das Rettende ist, wächst die Gefahr. Das Gefühl, sicher und geborgen zu sein, ist leicht zu zerstören. Denn je sicherer man ist, desto stärker schrecken einen schon kleinste Störungen. Gleichzeitig wächst in der gar zu gewohnten Ruhe das Verlangen nach Neuem.

Die Geschichte produziert immer auch den Widersacher des von ihr geschaffenen Status quo gleich mit. Hölderlin widmete die Patmos-Hymne dem Landgrafen Friedrich V. von Hessen-Homburg. Der hatte im Jahr zuvor den 78-jährigen Dichter des „Messias“, Friedrich Gottlieb Klopstock, gebeten, „ihm ein pietistisches Gedicht zu schreiben, das der Eiseskälte der aufklärerischen Bibelexegeten die Glut der Frömmigkeit entgegenstellen sollte“. Klopstock fühlte sich nicht mehr stark genug, also ließ Hölderlin seine Muskeln zaubern.

Max Weber und die„ Entzauberung der Welt“

Womit wir bei Max Weber sind. Der erklärte 1917 in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“: Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung befördere „den Glauben daran: dass es prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet: die Entzauberung der Welt.“

Die Wendung von der „Entzauberung der Welt“ hat Karriere gemacht. Die Moderne sei säkular, sie komme ohne die Hypothese Gott aus, und die Menschen bedürften keiner himmlischen Trostmittel mehr.

Das ist, darüber belehrt einen schon ein flüchtiger Blick auf die Religionsgeschichte, völlig verkehrt. Die Moderne – das 19. und das 20. Jahrhundert – ist eine große Epoche religiöser Erweckungen. Es gibt nur wenige Abschnitte der Weltgeschichte, in denen so viele Religionsgründer auftraten wie in den vergangenen 200 Jahren. Max Weber war dieser Entwicklung gegenüber nicht blind. In jenem Vortrag des Jahres 1917 erklärte er auch: „Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf.“ Alles andere sollte einen auch wundern. In Zeiten tiefer Verunsicherung, wird der Traum nach Erlösung übermächtig. Und schnell stehen an jeder Ecke Erlöser bereit.

Michael Stausberg, Professor für Religionswissenschaft an der Universität Bergen nennt in seinem Buch „Die Heilsbringer“ das 20. Jahrhundert „das Jahrhundert der Religionen“. Er fasst den Begriff der Religion sehr weit: Adolf Hitler („Politik als Glaube, Vernichtung als Erlösung“) und Mao Zedong („Religionsdemontage und Vergötterung“) gehören dazu. Wem das einleuchtet, der wird sich darüber wundern, dass Lenin und Stalin nur jeweils vier Mal erwähnt werden. Auch die Beatles („Musik, Rausch, Meditation“) und Bob Marley („Positive Vibrations“) haben eigene Kapitel. Stausbergs weiter Horizont führt einem vor Augen, dass kaum jemand der Religion entkommt und dabei sind die Horoskop-Produzenten, bei denen Millionen Menschen Beistand suchen, noch nicht einmal mitgezählt.

Worauf du dich verlässt, ist dein Gott

Natürlich haben Ron Hubbard (1911–1986), der Erfinder von Scientology, der Brooklyner Messias Menachem Mendel Schneerson (1902–1994), der Begründer der islamischen Republik Iran, Ruhollah Musavi Chomeini (1902–1989), Bhagwan Shree Rajneesh (1931–1990), der eine Weile lang viele linksradikale Intellektuelle des Westens faszinierte, ihre Kapitel wie auch die als „Götter-Manifestation“ verehrte Ahandamayi Ma (1896–1982), Annie Besant (1847–1933), ohne deren theosophische Lehren die revolutionäre Kunst der Moderne undenkbar wäre und natürlich auch die Amerikanerin Madalyn Murray O’Hair (1919-1995), eine von denen, die aus dem Atheismus eine Religion machten.

„Worauf du nun dein Herz hängst und dich verlässt, das ist eigentlich dein Gott,“ hatte Luther im Großen Katechismus von 1529 geschrieben. Er hatte recht damit. Es gibt nichts, das Menschen nicht zu ihrem Gott gemacht hätten. Dagegen wäre wenig zu sagen, wenn nicht – fast – alle diese Götter eifersüchtige Götter wären, die keine anderen neben sich duldeten. Genau das war auch die Predigt Luthers. Genau darum schuf er den Katechismus und verbreitete ihn wie Stalin seit 1938 den „Kurzen Lehrgang zur Geschichte der KPdSU (Bolschewiki)“. So viele, so unterschiedliche Anhänger die Religionen auch haben möchten, sie sollen immer Anhänger bleiben. Als die Sowjetunion den Stalinschen Personenkult ächtete, daran erinnert Stausberg, erklärte die kommunistische Partei Chinas: „Mao aus der Tiefe seines Herzens zu verehren, sei keine abergläubische Anbetung eines Individuums, sondern die Verehrung der Wahrheit.“

Aber natürlich ist es auch ungeheuerlich zu behaupten, etwas oder jemand, an das oder an den man sein Herz hänge, mache man damit zu seinem Gott. Jeder von uns weiß, dass wir alle im Laufe unseres Lebens unser Herz immer wieder an etwas anderes gehängt haben. Wir erweiterten so unseren Horizont, wurden klüger dadurch. Lange Zeit war nichts natürlicher, als mehrere Götter zu haben. Dass alle einem folgen sollen, ist, so belehren uns zu Recht oder zu Unrecht die Religionshistoriker, eine späte Erfindung. Heute könnte man auf die Idee kommen, mit dieser Art von Religion sei der Totalitarismus auf die Welt gekommen. Einer, der über den Tod hinaus uns regiert.

Religionen sind auch Zufluchtsorte. Michael Stausberg schreibt: „Am 14. Oktober 1956 fand in der zentralindischen Stadt Nagpur eines der spektakulärsten Ereignisse der Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts statt. Auf Initiative von Dr. Bhimrau Ambedkar (1891-1956), der von 1947 bis 1951 der erste Justizminister Indiens gewesen war, hatten sich drei- bis fünfhunderttausend weißgekleidete Menschen versammelt.“ In einer feierlichen Zeremonie traten sie, die meisten von ihnen gehörten wie Ambedkar zur Kaste der Unberührbaren, zum Buddhismus über. Befreiung und Bindung sind immer wieder derselbe Vorgang. Ambedkar erklärte damals: „Ich bin kein Verehrer der Hindu-Götter und Göttinnen mehr… Ich will strikt den achtfachen Pfad Buddhas befolgen. Der Buddhismus ist die wahre Religion und ich werde mich in meinem Leben von den drei Prinzipien des Wissens, des rechten Pfades und des Mitgefühl leiten lassen.“ Die Zeremonie endete damit, dass die neuen Buddhisten zweiundzwanzig Eidesformeln aufsagten, mit denen sie die buddhistische Lehre bekräftigten.

„Nah ist und schwer zu fassen der Gott“.

Michael Stausberg: Die Heilsbringer – Eine Globalgeschichte der Religionen im 20. Jahrhundert, C.H. Beck, 783 Seiten, 50 s/w Fotos, 34 Euro.