Gleich zwei TV-Filme über die Drogeriekette: Wohlfühlen und Sexaffären bei Schlecker

Bei SAT.1 heißt die insolvente Drogeriekette schlicht „Schlikker“, das ZDF folgt mit einem Zweiteiler über eine Drogeriekette namens „Faber“. Etwas mehr als zwei Jahre nach der spektakulären Pleite des Schlecker-Imperiums, das von Anton Schlecker seit 1975 aufgebaut wurde und zu seinen Spitzenzeiten mit über 10.000 Filialen Marktführer in Deutschland gewesen ist, laufen im Abstand von knapp zwei Wochen im Fernsehen zwei Filme, die beide die Schicksale der Unternehmerfamilie mit denen der Verkäuferinnen verknüpfen.

Dies ist übrigens nicht die einzige Doublette der beiden Sender: So dreht das ZDF gerade eine Komödie über eine Bundeskanzlerin, die in ihren Erinnerungen ins Jahr 1989 zurückfällt – hier hatte SAT.1 mit der „Staatsaffäre“ gerade eine peinliche Pleite hingelegt.

Romantische Wohlfühl-Komödie

Auch wenn sich die beiden Sender von der realen Schlecker-Pleite mehr oder weniger stark entfernen, so ist es kein Zufall, dass die Arbeitsbedingungen nahezu gleich gezeichnet werden: Wie bei den einstigen Schlecker-Filialen müssen die Verkäuferinnen ihr immer lückenhafteres Sortiment in viel zu enge Gänge stellen – und kämpfen trotzdem unverdrossen um ihre Kunden. Verblüffend aber sind die Ähnlichkeiten mancher Details: So spielen sowohl SAT.1 als auch das ZDF mit einer Filiale in Berlin-Moabit – für Drehbuchautoren offenbar der Inbegriff einer prekären Wohnlage. In beiden Filialen taucht der Firmengründer höchstpersönlich auf: Sky du Mont (als Theo Schlikker) und Robert Atzorn (als Max Faber) sind in ihrer graumelierten Arroganz rein äußerlich recht ähnlich.

Im Tonfall und im Genre liegen die beiden Schlecker-Filme aber weit auseinander. SAT.1, ohnehin noch nie der Ort für anklagende Sozialdramen, schafft es tatsächlich, selbst das Drama um die gegen ihre Entlassung kämpfenden Verkäuferinnen in eine romantisch angehauchte Wohlfühl-Komödie zu verwandeln.

Der Spaß beginnt, als sich Firmenpatriarch Schlikker trotz der brenzligen Lage in die Filiale in Moabit wagt – hier hatte er einst sein Imperium begründet. Doch die wütenden Frauen um die Filialchefin Greta (Katharina Thalbach) sperren Schlikker kurzerhand in eine Kammer ein und fordern Lösegeld und Arbeitsplätze. Die abgedreht-absurde Film von Uwe Janson (Buch und Regie) wird mit witzigen Details gespickt: So setzen die Frauen die Billigsprays aus ihrem Sortiment als Reizgas gegen Theo Schlikker ein.

Aus dem Bett geplumpst

Das ZDF dagegen will mit seinem Zweiteiler „Alles muss raus – Eine Familie rechnet ab“ einen größeren Bogen schlagen, kündigt im Vorspann an, die fiktionale Geschichte sei „inspiriert von einer Vielzahl von Ereignissen und Persönlichkeiten der deutschen Unternehmenswelt“. Das Buch von Kai Hafemeister will aufzeigen, welche Kräfte und Interessen miteinander verwoben sind. So treten neben der Unternehmersfamilie Faber und den Verkäuferinnen aus Moabit denn auch noch zockende Banker, windige Investoren, betrogene Lieferanten und spekulierende Medienleute auf.

Im Zentrum aber steht der Konflikt zweier Strategien: Patriarch Max Faber besteht rechthaberisch auf einem „Weiter So“, das dem realen Agieren des Anton Schlecker nahe kommt, seine dynamische Tochter Kerstin (Lisa Martinek) dagegen steht für ein moderneres Image, ein pfiffigeres Sortiment und mehr Kundennähe.

Dabei traut der Film von Regisseur Dror Zahavi der Kraft seiner Konflikte nicht so recht und peppt sie mit Sex-Affären auf. So muss die jungdynamische Unternehmertochter sowohl mit einem Journalisten, der nebenbei für sie die PR-Arbeit besorgt, als auch mit einem flippigen holländischen Investor ins Bett steigen. Der Mann schließt Verträge am liebsten in der Karaoke-Bar ab, wo er dann den Rio-Reiser-Schlager „Lass uns das Ding dreh’n“ grölt. Das alles wirkt recht gezwungen, während bei SAT.1 selbst die Sex-Szenen komisch bleiben, etwa wenn der Insolvenzverwalter aus dem Bett der Schlikker-Gattin plumpst.

Thalbach mit drolliger Frisur

Beide Filme werden aber vor allem durch die Darstellerinnen der tapferen Schlecker-Schlikker-Faber-Frauen in Schwung gehalten. Bei SAT.1 spielt Katharina Thalbach in drolliger Frisur, blauer Kittelschürze und mit Berliner Schnodderschnauze hinreißend eine Greta, die mit dem Mut der Verzweiflung um „ihre“ Filiale kämpft und dabei selbst vor ungelenken Tanzeinlagen nicht zurückschreckt. Doch ihr Leben neben Schlikker bleibt trist: In der Laube wartet nur der Goldfisch – kein Wunder, dass der Charme des plötzlich auftauchenden Theo Schlikker sie schwach macht.

Im ZDF-Zweiteiler „Alles muss raus“ spielt Josefine Preuß als „Janine Krause“ den Berliner Proll-Charme voll aus. Wie sie sich mit ihrem kleinkriminellen Geliebten (Florian Lukas) fetzt, das macht ebenso Spaß wie ihr Schnuppern am sozialen Aufstieg, als sie von der Faber-Tochter zur Vorzeige-Verkäuferin gemacht wird und sogar in einem Werbespot auftreten soll. Wie nahe oder fern die beiden Filme den realen Vorgängen um die Schlecker-Pleite sind, das zeigen beide Sender jeweils im Anschluss mit Dokumentationen.