Berlin - Befreit werden müsse auch der Mann: von seinen tradierten Rollen, aber auch von den Rollenzuschreibungen durch die Frauenbewegung.

Herr Bönt, Ihr Buch ist in unserer Zeitung kritisiert worden. Aber nicht darum sitzen wir zusammen, sondern weil unsere Autorin zwei Passagen sinnentstellend zitiert hat, und ich finde, es gibt innerhalb einer kulturellen Debatte würdigere Formen der Auseinandersetzung als eine Gegendarstellung.

Es handelte sich nicht um eine Kleinigkeit, sondern betraf die sexuelle Selbstbestimmung, die im Mittelpunkt der Geschlechterdebatte steht.

Unsere Autorin behauptete, Sie würden eine Frau, die den Sex verweigert, als „Abweichung“ betrachten. In Wahrheit schrieben Sie das Gegenteil, dass ...

... der Mann im Normalfall auf Zustimmung wartet, wobei es davon Abweichungen gibt. Was glauben Sie, veranlasst die Autorin die Aussage ins Gegenteil zu wenden?

Sie hat den Ball aufgenommen. Sie hat sich über Ihre zum Teil harte Kritik an Frauen und dem Feminismus geärgert.

Frauen werden sich an Kritik gewöhnen müssen, wenn sie ernst genommen werden wollen. Nicht mehr habe ich getan. Aber ich kann mir vorstellen, dass sie wirklich geglaubt hat, ich habe das so geschrieben, weil die alten Rollenklischees eben so funktionieren. Viele Frauen irritiert es, dass ich den Feminismus gerade nicht nach den alten Mustern kritisiere, sondern, wenn Sie so wollen, von links. Ich möchte den enthaltenen Freiheitsgedanken weiterführen und greife einen autoritären Feminismus an, der uns daran hindert, besser atmen zu können.

Ausgangspunkt Ihrer Überlegungen zur Unterdrückung des Mannes ist die geringere Lebenserwartung von sechs bis sieben Jahren. Der Mann sei ein Wegwerfwesen. Er achte nicht auf seine Gesundheit, fühle sich nur geliebt, wenn er etwas leiste und darstelle. Ohne Karriere gelte er nichts. Aber es ist doch der Mann selbst, der das mit sich anstellt.

Deswegen kritisiere ich den Mann auch sehr heftig in meinem Buch. Ich kritisiere ihn dafür, dass er sich zu wenig fragt, wie viel Liebe und wie viel Ablehnung in seinem Leben ist. Vor kurzem gab es die Meldung „US-Soldat erschießt Frauen und Kinder“. 16 Menschen wurden erschossen, das erfuhr man aus der Unterzeile der Überschrift. Im Text hieß es dann: Neun Kinder und drei Frauen wurden erschossen. Die vier toten Männer musste man sich selber ausrechnen. In solchen und ähnlichen Meldungen überall auf der Welt werden immer die Frauen und Kinder höher bewertet als die männlichen Zivilisten. Das ist nichts Anderes als Sexismus. Gewalt gegen Männer erscheint als etwas vollkommen Normales.

Aber gerade in diesem soldatischen Denken zeigt sich doch eine von Männern gemachte Welt. Die Männer haben es offenbar nicht anders gewollt. Warum greifen Sie dafür die Frauenbewegung an?

Diese Welt haben wir sicher zusammen so eingerichtet. Ich kritisiere, dass bis heute quasi keine neuen Bilder für den Mann zugelassen werden. Frauen wiederholen gern weiter den Vorwurf der Hypochondrie oder eben der Fühllosigkeit, beides richtet sich gegen den Körper des Mannes. Dabei könnten all die Erfindungen und sozialen Revolutionen, die ja bis vor fünfzig Jahren im Wesentlichen der Mann geleistet hat, ihn zusammen mit dem Feminismus befreien.

Sehr vereinfacht gesagt: Die Erfindung der Elektrizität, also die Ersetzung der Muskelkraft, könnte zusammen mit dem Feminismus den Mann komplett befreien vom Zwang, Arbeitsmaschine und Leistungsapparat sein zu müssen. Das hat der Mann bis heute nicht begriffen, weil er nicht gelernt hat, dass er eine Daseinsberechtigung per se hat.

Ist dieser militante Schwanz-ab-Feminismus, der die Männer in die Ecke drängt, nicht längst ein Phänomen von gestern?

Wenn ich offen mit Männern rede habe ich nicht das Gefühl, dass das Schwanz-ab-Thema erledigt ist. Beim Fernsehkrimi geht ohne Sexualstraftäter auch kaum etwas. Ich habe erst vor drei Tagen wieder einen gesehen, in dem es endlich einmal darum ging, dass die Vergewaltigung nur vorgetäuscht war. Aber trotzdem war der Mann auch dort derjenige, der jede Sekretärin mit dem Kopf gegen die Wand geknallt hat, wenn sie nicht mit ihm ins Bett wollte. Ich finde das wahnsinnig einseitig, sowohl hinsichtlich der geringen Zahl von Sexualmorden als auch hinsichtlich der vielen Gewalt, die es gegen Männer gibt. Sie ist Tabu.