Reykjavík - Wir kennen uns nicht gut, liebe Lesende. Und dennoch verrate ich Ihnen jetzt ein kleines Geheimnis: Ich bin frisch verliebt. Dabei ist sie eigentlich gar nicht mein Typ. Viel zu wild, manchmal auch ziemlich unberechenbar und aufbrausend. Und sie ist so schweigsam, ich unterhalte mich ja eigentlich sehr gern. „Offiziell“ ist noch nichts, ich könnte sie trotzdem stundenlang anschauen.

Diese Woche bin ich nach einem Monat in Island die Südküste entlanggefahren, gleich zweimal. Über 30 Stunden Busfahrt, 1600 Kilometer hin und zurück. Und da ist es passiert, ganz plötzlich und unerwartet. Für mich vor allem aber: überraschend.

Ich klebte an der Busscheibe wie einer dieser scheibenputzenden Aquarienfische. Guckte, glotzte, schaute, als mich dieses erste Gefühl der Verliebtheit übermannte. Und fühlte mich plötzlich wie Friedrich Hölderlin, als er vor über 200 Jahren schrieb „Da stürzt ich mit den Wesen allen/ Freudig aus der Einsamkeit der Zeit,/ Wie ein Pilger in des Vaters Hallen,/ In die Arme der Unendlichkeit“. Er huldigte in einer Ode „An die Natur“ schon damals der grünen Schöpfung, mein Herz entbrannte erst hier in Island. Bin ich ein Naturmensch? Unklar, aber verliebt in sie, das bin ich.

Dabei bin ich extreme Stadtliebhaberin. Natur genieße ich vor allem in hübschen Dokus oder auf Balkonien, Waldspaziergänge kann ich als schwere Arachnophobikerin ohnehin nicht genießen. Überall lauert dort vielbeinige Gefahr.

Vor meiner Abreise fragte ich Freundinnen und Freunde aus Schweden, was an Waldspaziergängen überhaupt so unglaublich toll sein soll. Man erklärte mir – leicht amüsiert, leicht verstört ob dieser Frage – dass diese Abgeschiedenheit, die sich mir ja immer eher als Einöde verkauft, wunderschön sei. Man könne, auch unter Bäumen, ständig Neues entdecken. Aha, also hier die Buche, da die Eiche.

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Gletscherlagune am Jökulsárlón, Vatnajökull-Nationalpark.

Islands Süden: Fahrt bis zur Jökulsárlón

Erst hier auf Island begriff ich: Sie hatten recht. Vielleicht nicht mit den Touren im Wald. Doch die Südküste – und mit ihr die Natur – ist eine Strecke der Superlative: südlichstes Dorf, tiefster See, größtes Lavafeld, höchster Berg, größter Gletscher, aktivster Vulkan, größter Nationalpark. Schafe auf der Straße, Schafe neben der Straße, Schafe in 15 Kilometern Entfernung. Ich sehe nicht nur viel, sondern auch weit. Und mich nie satt.

Waren Berge schon immer so schön? Oder liegt es an den großen, kleinen, mittleren Wasserfällen, die sich – mal vorsichtig, mal mit aller Kraft – den Weg am immergrünen Hang hinab suchen? Oder an den Gletschern, die manchmal schüchtern zwischen felsigen Bergwänden hervorlugen; dann wieder demonstrieren sie die Macht des scheinbar ewigen Eises, liegen monumental auf den Gipfeln, wachen von ganz oben über die schier unendliche Landschaft unter ihnen.

Andächtig, ja ehrfürchtig bewege ich mich durch meine neue Freundin, Islands Natur. Stark ist sie, ja. Aber nicht unsterblich. Viele ihre Gletscherzungen werden kleiner, auch ungesund dünn. Der tiefste See Jökulsárlón ist eine Gletscherlagune; existiert nur, weil es zu oft zu warm ist. Das mächtige Eis in den Berggipfeln schmilzt, lässt so den See entstehen, füttert ihn mit Wasser.

Meine neue Liebe steht auf wackligen Beinen; ihr geht es nicht gut, sie raucht und schwitzt zu viel. Wer weiß also, wie lange diese Beziehung überhaupt noch halten kann.