Von Zeit zu Zeit gefällt es dem uckermärkischen Dichter Botho Strauß, sein zornig-melancholisches Donnerwort zu erheben. Er überbringt uns aus seinem „Versteck“ dann keine denk- und poesiereiche Prosa, sondern einen Essay. Und seit Strauß im Jahr 1993 seinen „Anschwellender Bocksgesang“ ausstieß, wird jede neuerliche Wortmeldung von der Öffentlichkeit mit jener Spannung erwartet, die dem Kaninchen eigen ist, wenn es der Schlange gegenüberhockt.

Jetzt auch. Denn jetzt hat Strauß eine „Glosse“ geschrieben und, wie damals, dem Spiegel zur Veröffentlichung gegeben. Das Hamburger Magazin stellt sie in den „Bocksgesang“-Kontext, offenbar in der Hoffnung auf ähnlich werbewirksame Wellen wie seinerzeit.

Damals warf Strauß seiner „Volksgemeinschaft“ vor, in „liberal-libertärer Selbstbezogenheit“ zu verharren und sah in der Toleranz „Fremden“ gegenüber einen „verklemmten deutschen Selbsthass“. Diesmal ist der Text mit „Der letzte Deutsche“ übertitelt. Wie in seiner Gedankensammlung „Lichter der Toren“ geht es auch hier um den „Idiot und seine Zeit“, um einen, der sich verlassen, missverstanden, vertrieben fühlt.

Strauß glaubt, in einem aussterbenden Volk zu leben. Und schuld daran seien die „Sozial-Deutschen, die nicht weniger entwurzelt sind als die Millionen Entwurzelten, die sich nun zu ihnen gesellen“. Einen Unterschied zwischen einem Flüchtling aus Existenznöten und den aus lauter Konformismus von der deutschen „geistigen Heroengeschichte von Hamann bis Jünger, von Jakob Böhme bis Nietzsche“ Losgerissenen macht er nicht. Das ist natürlich eine plumpe Provokation, aber mit tieferen Absichten: „Oft bringt erst eine intolerante Fremdherrschaft ein Volk zur Besinnung. Dann erst wird Identität wirklich gebraucht.“

Die derzeitige „Flutung des Landes mit Fremden“ nimmt Strauß also als Beihilfe zur deutschen Identitätsfindung. Die „Fremden“ sind für ihn vor allem die „Gehorsamen“ des Islam, und der „Gehorsam“ gilt ihm als das (fremde) Wesen „des Islam“ – will man das nicht als Ausweis von Ahnungslosigkeit nehmen, kann man es allenfalls satirisch lesen. Und als Hinweis auf das „geheime Deutschland“, in dem Strauß zu leben wünscht.

Es ist ein „heroisches“ Land, geschaffen aus einem luftdicht geschlossenen Weltbild, dem alles, was da draußen geschieht, zur wohlfeilen Selbstbestätigung gereicht. In dem das Strauß’sche Subjekt sich nur mit Seinesgleichen umgibt und die sonstige Gegenwart als Gegenstand der Verachtung dient. Dergleichen nennt man Ressentiment. Man kann es im Falle des großen Dichters Strauß auch Tragik nennen: das Verscherbeln der Dichtung ans Dumpfe.