Sich gemütlich aufplustern und nach Maden krähen. Ein Amseljunges lässt sich Zeit mit der Selbständigkeit.
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BerlinDas Bild changiert: Ist das braune Etwas auf der Wiese ein Holzklotz, ein Stein oder doch ein Vogel? Ich schleiche mich an und sehe aus den Augenwinkeln, wie ein Amselpaar – braunes Weibchen, schwarzes Männchen – in verschiedene Richtungen wegspringt. Wenn das braune Etwas eine Amsel wäre, müsste es doch auch wegspringen. Schon wegen des Warngezwitschers seiner Artgenossen. Andererseits wird es wohl auch kein Holzklotz sein, weil ein solcher keine Augen hat, die er aufschlagen könnte. Und dieses Etwas da ist soeben erwacht und schaut mich zweifellos mit Augen an.

Also doch eine Amsel. Still sitzt sie in ihrem Federmuff und scheint äußerlich geradezu beleidigend desinteressiert. Aber das ist eine Pose. Durch das Zucken des Auges, mit dem mich der Vogel abscannt, verrät sich sein spannungsreiches Krisenmanagement. Abzuwägen sind folgende Fragen: Ist der Riese Feind oder Freund? Nähert er sich zufällig oder in feindlicher Absicht? Hält meine Tarnung oder bin ich entdeckt? Weiß der sich nähernde Typ, dass Holzklötze keine Augen haben?

In mir regt sich ein wenig Sorge, weil mir die Bewegungslosigkeit des Vögelchens bedenklich erscheint. Es wird doch wohl nicht verletzt sein? Hinzu kommen Neugier und ein bisschen auch das Bedürfnis nach Respekt. Ich richte mich auf, gehe ein paar weitere Schritte auf den nervenstarken Vogel zu, bis er sich endlich strafft und mit sparsamen, in der Körpersprache durchaus feindseligen und missgelaunten Hüpfern durchs Gebüsch entweicht.

Wie ich bei späteren Beobachtungen feststelle, handelt es sich um das träge Junge des geflohenen Amselpärchens. In den Ausmaßen scheint der Jungvogel größer als seine Mutter zu sein, was sicher daran liegt, dass ihn infolge des Bewegungsmangels friert und er sich aufplustert. Hockt da rum wie ein schlecht gelaunter Teenager und piepst seine Mutter klagend an, wo sie denn bleibe, während diese hektisch mit ihrem Schnabel Maden aus heruntergefallenen Pflaumen zieht, die Würmchen geschickt zu wimmelnden Gebinden arrangiert und sie ihrem kleinen klumpenförmigen Liebling in den Rachen stopft. Ist da auch ein bisschen unterdrückte Aggressivität im Spiele, Amselmama? Geht dir dieses fordernde Gejammer auf den Geist? Vermutlich reine Projektion.

Der Amselvater jedenfalls aalt sich in seiner Rolle des verantwortungsvollen Beschützers, ohne den hier auf der Wiese gar nichts läuft. Er patrouilliert mit seinem schwarzglänzenden Gefieder, trägt seine Prächtigkeit vor sich her und pfeift blendend gelaunt in herausfordernden Intervallen. Maden, die ihm bei seinen stolzierenden Wachgängen in den Blick fallen, verschlingt er natürlich selbst. Und wenn sich, wie eingangs beschrieben, vermeintliche Gefahr nähert, haut er als Erster ab.

Es ist wirklich schwer hinnehmbar, wie diese kleine Amselfamilie ihre vorgestanzten Rollenklischees bedient, nur weil das „schon immer so war“ und weil es das Individuum entlaste, wenn es sich mit seinem „Platz im Leben“ abfinde, statt sich mit Selbstverwirklichung und Optimierungsstreben abzuplagen. Der Jungvogel entzieht sich dieser Diskussion, indem er bei der kleinsten Gefahr in seine Tarnstarre verfällt und die Gelegenheit für ein Nickerchen nutzt. Diese Jugend!