Die neue Dauerausstellung „Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland“ im Liebeskind-Bau des Jüdischen Museums. Hier der Themenraum „Hall of Fame“ mit Installationen von Andree Volkmann. 
Foto: dpa/Britta Pedersen

BerlinMehr als zwei Jahre war das Jüdische Museum Berlin (JMB) geschlossen, weil die 2001 zur Eröffnung unter Zeitdruck und ohne eigene Sammlung gefertigte Ausstellung ersetzt werden musste. Nun ist die neue Dauerausstellung eröffnet. Ihr Titel „Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland“ klingt harmlos und verstört genau deshalb abgrundtief. Trotz all dem, was zum Gestern und Heute gesagt werden muss und an entscheidenden Stellen mal minimalistisch, mal massiv sichtbar wird, fehlt in der viele Jahrhunderte übergreifenden Darstellung der geschichtspädagogische Zeigefinger. Nirgendwo wird der Betrachter bevormundet.

Die Präsentation beeindruckt in ihrer Vielgestaltigkeit. Sie zeigt auch, wie stark der Fundus des JMB dank Tausender Schenkungen und Ankäufe angewachsen ist – ein Verdienst der Sammlungsleiterin Michal Friedlander, der Freunde des JMB und der Nachkommen vertriebener und überlebender deutscher Juden. Die gebrochenen großen und kleinen Fluchten des Liebeskind-Baus stehen selbst für die jüdische Geschichte auf deutschem Boden. Sie machen es Ausstellungskuratoren schwer.

Nun aber gelang es den von Cilly Kugelmann geleiteten und inspirierten Teams der Historiker, Beraterinnen und Ausstellungsarchitektinnen, der Videoleute, Licht- und Tontechniker, die monumentale Großplastik des Museumsbaus mit der Ausstellung zu verschmelzen. Ob jung oder alt, vorgebildet oder nur neugierig – alle Besucherinnen und Besucher werden sich an einzelnen Objekten festschauen, an kleinen, nicht selten kurzweiligen Geschichten festlesen, ihnen bislang unbekannten Klängen und Erzählungen nachhören, ihr Wissen und Denken, im besten Fall auch ihr Fühlen und Verstehen erweitern.

Judentum ist nicht einfach eine Art alttestamentarische Konfession. Die Gebote und Verbote umschließen seit jeher politische, soziale und private Lebensregeln, sie fordern die Kunst des Lesens und originellen Denkens, das sich immer wieder an angeblichen Gewissheiten reibt. Am Anfang und Ende der Ausstellung steht die Thora mit ihren ewig glühenden 79.976 Wörtern und 304.805 Buchstaben. Diese sind von jedem einzelnen Leser immer wieder neu zu befragen, und zwar individuell, nicht gemäß dogmatischer Vorgaben oder den Leitlinien eines Vorbeters. Jüdischsein beinhaltet geistige Bewegungslust.

Wie die Videobefragungen in Deutschland lebender jüdischer Männer, Frauen und Kinder am Ende des Rundgangs unterhaltsam demonstrieren, gibt es den Juden nicht. Dieser existiert allein in den Obsessionen von Antisemiten, die ihren aus Engstirnigkeit, Schwäche und Neid geborenen Kollektivismus und ihre eigene Niedertracht einer angeblich verschworenen Großgruppe namens „die Juden“ andichten.

Von Bundespräsident Horst Köhler 2006 berufen, war ich bis 2018 Mitglied des Stiftungsrats des JMB. Hinsichtlich der neuen Ausstellung hatte ich manchmal ein mulmiges Gefühl: Man genehmigt in einem solchen Gremium Millionenbeträge, bekommt endlos lange Kostenvoranschläge gereicht, wird mit Computeranimationen wohlgestimmt und denkt sich, „hoffentlich geht das gut“. Das Vertrauen hat sich gelohnt. Gehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, bald hin – noch fehlen die Touristen. Das JMB ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet, Mund-Nasen-Schutz nicht vergessen.