„Die Wand“: Martina Gedeck in der Verfilmung von Julian Roman Polsler aus dem Jahr 2012.
Foto: imago

BerlinEines Morgens stößt eine Frau gegen eine unsichtbare Wand und findet sich – ganz allein – in einer unglaublichen Lebenslage wieder. Auch wenn Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ eine viel radikalere Isolation beschreibt als Kontaktverbot oder Quarantäne, passt er doch ausgezeichnet in unsere seltsame Situation: Der Roman erzählt vom einsamen Überleben hinter einer Barriere, die eine intakte Wald- und Berglandschaft von einer Todeszone trennt.

 Es geht um Holzhacken, Kartoffelanbau, Jagen, aber auch um Erschöpfung, Angst, seltene Hochgefühle und darum, nicht wahnsinnig werden. Was dabei hilft, ist die Verantwortung für andere – in diesem Fall um einen Hund, eine Kuh, deren Kalb und mehrere Katzen.

1963 veröffentlicht, erntete „Die Wand“ Kritikerlob und war ein bescheidener Erfolg – der größte, den die österreichische Schriftstellerin vor ihrem frühen Tod im Jahr 1970 hatte. Wäre sie nicht mit 49 Jahren an Knochenkrebs gestorben, hätte sie erlebt, dass dieser Roman in den 80er-Jahren ein viel größeres, begeistertes Publikum fand. Denn die Transformation einer anfangs recht biederen Hauptfigur in eine selbstgenügsame Überlebenskünstlerin passte zum feministischen Aufbegehren dieser Jahre.

Feministin vor der Zeit: Marlen Haushofer 1962
Foto: Imago

Heute gilt der 2012 mit Martina Gedeck verfilmte Roman als moderner Klassiker. Die lebenswichtige Beschäftigung mit der Natur in diesem Buch, die engen Beziehungen zu den Tieren, vor allem aber die schonungslose Reflektion des menschlichen Zusammenlebens, einschließlich der Hierarchie der Geschlechter, passen aber auch gut zu aktuellen Debatten.

Und so ist es überhaupt nicht überraschend, dass die französische Bloggerin, Illustratorin und Autorin Maureen Wingrove alias Diglee dem Roman im letzten Herbst ein neues, junges Publikum verschaffte. Sie hatte ihn in einem Antiquariat entdeckt, sofort verschlungen und im Netz vorgestellt, kurz danach war er in Paris ausverkauft. Dabei wirkt die Person Marlen Haushofer überhaupt nicht radikal oder subversiv, zumindest nicht auf den ersten Blick.

Am 11. April 1920 in einem Forsthaus geboren, wuchs sie in malerischer Umgebung heran. Es folgten Jahre auf einer Klosterschule und beim NS-„Reichsarbeitsdienst“, ein nie abgeschlossenes Studium (Germanistik und Kunstgeschichte) und schließlich eine früh geschlossene Ehe mit einem Zahnarzt. Ab 1947 lebte sie im nicht sehr aufregenden Steyr und brach nur selten nach Wien aus, wo sie Kontakt zur Literaturszene hatte. Ihr erstes Kind war unehelich, ihr Mann hatte zahlreiche Affären, sie selbst war nicht treu, die Ehe wurde geschieden, nach außen hin weitergeführt und neu geschlossen. Haushofer kannte die Abgründe bürgerlicher Familien genau und verarbeitete sie in Romanen und Erzählungen.

Das "starke Geschlecht" sah sie kritisch

In „Wir töten Stella“ etwa geht es um eine Ehefrau, die die Affären ihres Gatten vertuscht, bis dessen 19-jährige Geliebte sich das Leben nimmt. Haushofer war eine nüchterne, spröde Beobachterin, die scheinbar unbeteiligt, aber gnadenlos die Geschlechterverhältnisse der Nachkriegsgesellschaft sezierte. Das „starke“ Geschlecht sah sie kritisch, in einem verschollenen Manuskript aus den frühen 50er-Jahren schildert sie sogar, wie mehrere Frauen gemeinsam einen Mann umbringen. Und zwar so, dass sie damit davonkommen. Leider verhinderte ihr damaliger Förderer Hans Weigel die Veröffentlichung dieses Radikalfeminismus avant la lettre. Er bedauerte es im Nachhinein selbst, berichtet Haushofer-Biografin Daniela Strigl.

Haushofer schrieb aber auch heitere Kinderbücher und Märchen, drei davon wurden gerade unter dem Titel „Der gute Bruder Ulrich“ wiederveröffentlicht. Eins davon, „Das Waldmädchen“ (1947), liest sich wie ein verträumter Vorgänger von „Die Wand“: Eine jugendliche Einsiedlerin lebt glücklich und zufrieden ganz allein im Wald, bis – natürlich! – ein König sie findet und heiratet. Auf seinem Schloss in der Zivilisation stirbt sie fast vor Sehnsucht nach der Natur, vegetiert dahin, bis die Geburt eines Sohnes sie mit der Gefangenschaft versöhnt.

Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe."

Marlen Haushofer

Dieses Happy End lässt sich nicht ohne Melancholie lesen, zumindest wenn man an Haushofers Leben und das vieler anderer Frauen der Nachkriegsjahre denkt. Denn Kinder waren selten eine Befreiung. „Eigentlich kann ich nur leben, wenn ich schreibe“, schrieb Haushofer 1966 in ihr Tagebuch. Sie fand aber nur selten genügend Zeit dazu. Anders als Kolleginnen wie Ingeborg Bachmann und Friederike Mayröcker schrieb sie ihre Bücher neben der Arbeit als Hausfrau und Mutter. In ihrer Wohnung lagen überall Blöcke, auf denen sie beim Saugen und Putzen Einfälle notierte. Es ist eigentlich ein Wunder, dass sie unter solchen Bedingungen überhaupt schrieb – und dann noch so gut.

Ihre Texte haben eine zeitlose, ganz eigene Klarheit, Unerbittlichkeit und Poesie. Das zeigen ihre Märchen, ihre Romane, Erzählungen und, besonders, ihre weibliche Robinsonade hinter der „Wand“: Ein faszinierender, bestechend schöner Roman und aktuell wie am ersten Tag. Gerade ist ein guter Moment, ihn wieder zu lesen oder ganz neu zu entdecken.

Marlen Haushofer: Der gute Bruder Ulrich. Märchen-Trilogie. Nachwort: Markus Bundi, Limbus, Innsbruck/ Wien 2020, 62 S., 12 Euro