Berlin - Zu einer Folge von zwei unterschiedlich gelungenen, leitmotivisch locker miteinander verknüpften Konzerten ist es am Dienstag in den benachbarten Berliner Clubs Berghain und Postbahnhof gekommen; es spielten zwei bedeutende nordeuropäische Bands, die beide mit „G“ anfangen.

Im Postbahnhof konnte man sich zunächst die Gruppe Goat ansehen, was auf deutsch Ziege bedeutet. Goat kommen nach eigenen, allerdings schwer zu überprüfenden Angaben aus einem äußerst entlegenen nordschwedischen Dorf namens Korpilombolo, in dem seit Jahrzehnten schon afrikanische Voodoorituale praktiziert werden, weil sich dereinst einmal ein Hexenmeister dorthin verirrte und nicht mehr zurück nach Hause fand. In der Musik von Goat verbinden sich denn auch Elemente der westafrikanischen Hi-Life-Musik mit den motorischen Rhythmen des westdeutschen Krautrock; man kann aber auch schön schlammig verschlickte Psychedelikgitarren darin hören, House-haftes Kuhglockengeklöppel und schamanisch beschwörende Frauengesänge mit einem leichten Zug ins Gemecker.

Goat pflegen in unablässig wechselnden Besetzungen zu musizieren, wobei man nicht sagen kann, wieviel Männer und wieviel Frauen jeweils mitspielen und mit welcher Besetzung man es überhaupt gerade zu tun hat, weil die Mitglieder von Goat ausschließlich maskiert vor die Öffentlichkeit treten. Interessanterweise tragen sie alle möglichen Masken, aber keine, die auch nur entfernt an Ziegen erinnern. Im Postbahnhof waren sie vielmehr mit gestrickten schwarzen Sturmhauben, metallicfarbenen Pantomimenmasken und Tuaregschleiern zu sehen; ein Musiker trug eine Art gehäkelte Nachttischlampenbedeckung vor dem Gesicht, während zwei mit wirbelnden Birkenstöcken geschwind herumhüpfende Tänzer oder vielleicht auch Tänzerinnen venezianische Karnevalsmasken mit Federschmuck und netzartig verklöppelten Holzperlen kombinierten.

Hübsch anzusehen und musikalisch vergnüglich

Das war hübsch anzusehen und auch musikalisch vergnüglich. Erstaunt war man insbesondere darüber, wie heiter die Band im Konzert wirkte: Auf ihrem ersten Album „World Music“ (2012) dräuten unter den psychedelischen Gitarren noch allerlei meditative Drones, wodurch eine gewisse spirituelle Düsternis herrschte; auf der neuen Platte „Commune“, die gerade erschienen ist, wurden noch die letzten Düsternisreste durch ein rundum lebensbejahendes Hippie-Freakout-Gedengel ersetzt. In seiner Wuseligkeit erinnerte das manchmal an die frühen Animal Collective. Doch bei allem Gewusel pflegten Goat auch auf der Bühne eine große musikalische Präzision: Flockig gefingerte Gitarrenriffs lagen über einem rundum solide gebauten Bassfundament, und auch das polyrhythmische Perkussionsgeklöppel driftete niemals in Beliebigkeit ab.

Wer nach dem Auftritt von Goat zum Berghain hinüberging, konnte dort die aus dem isländischen Reykjavik stammende Gruppe Gus Gus erleben. Gus Gus haben ihren Namen bei einem nordafrikanischen Grießgericht entlehnt, das eigentlich Couscous heißt, aber von einer in dem Rainer-Werner-Fassbinder-Film „Angst essen Seele auf“ auftretenden Hobbyköchin mit einem Hang zur Verweichlichung von Verschlusslauten als „Gus Gus“ ausgesprochen wird; neben Fassbinder zählen Gus Gus auch noch Klaus Kinski und Boney M. zu ihren wesentlichen Einflüssen aus der deutschen Kultur.

Mit Goat verbindet Gus Gus, das sie unablässig in wechselnden Besetzungen musizieren; in den 20 Jahren ihres bisherigen Bestehens war die Band in den unterschiedlichsten Gestalten und Größen zu sehen, vom Duo bis zum 12-Personen-Orchester. Im Berghain traten sie als Quartett aus zwei Sängern und zwei Tasten- und Knöpfchenbedienern auf und spielten im wesentlichen die Stücke aus ihrem aktuellen Album „Mexico“; nach mexikanischen Einflüssen suchte man im Verlauf des Abends allerdings vergebens.

Eine große Rolle spielten hingegen Rhythmen und Dramaturgien aus dem klassischen Techno und House, wobei jedoch der Versuch, die repetitiven, auf den Tanzflur zielenden musikalischen Muster durch das Hinzufügen von Gesang zu Popsongs zu wandeln, nicht immer gelang. Meist trieben die beiden männlichen Stimmen zwar soulvoll und hübsch, aber doch etwas indifferent auf den Klanggeflechten dahin; abgesehen von der hervorragenden, von stetiger Steigerung lebenden Single „Airwaves“ klang vieles nur wie ein minder gelungenes Pet-Shop-Boys-Pastiche.

Das Publikum im ausverkauften Haus war gleichwohl begeistert; es war auch weit jünger und besser gekleidet als die insgesamt etwas muffig erscheinenden Psychedelikfreunde bei Goat.