Was ist Feminismus im Jahr 2022? Was haben ältere und jüngere Generationen von Feministinnen und Feministen noch gemeinsam? Welche Themen sind außerhalb der deutschen Blase offener Briefe und zig Essays über „Gender-Gaga“ noch relevant? Und wie können feministische Agenden für Klimaaktivisten, Friedensaktivisten und sogar für Männer interessant und relevant sein? Vielleicht sind das Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt.

Das Publikum im Pfefferberg-Theater schien jedoch begierig, sie zu diskutieren. Am Donnerstagabend wurde dort das dreitägige Festival „Frequenzen. Feminismen global“ des Goethe-Instituts eröffnet. Mit einer Mischung aus Debatten, Theater, Musik, Film und Kunst will das Festival eine Reihe feministischer Positionen und Fragen beleuchten – von Themen, die die Frauenbewegung schon lange beschäftigen, wie etwa Gewalt gegen Frauen und die Kunst des Protests, bis zu Fragen, die eher aus dem Internet bekannt sind – etwa, ob „Self Care“ als politische Aktion gesehen werden kann.

Feministischer Widerstand ist aktuell

Wichtig bei der Planung sei gewesen, dass dabei Feminismen und Kunstformen aus aller Welt repräsentiert werden, so der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Johannes Ebert, in seinem Grußwort an das Publikum, das wahrscheinlich nicht so vielfältig ist wie die Besetzung des Abends selbst. Zur Eröffnung des Festivals fand eine Podiumsdiskussion zum Thema „Feministischer Widerstand in der Kunst“ statt – unter anderem mit der indischen Autorin und Verlegerin Urvashi Butalia, der afghanische Künstlerin Nabila Horakhsh und der in Chicago lebenden Künstlerin Aram Han Sifuentes.

Sifuentes leitet hier Workshops zur Gestaltung von Protestbannern. An der Seite der Bühne hängt eins ihrer Banner mit der Aufschrift „The climate crisis disproportionately affects womxn.“ („Die Klimakrise trifft Frauxn unverhältnismäßig.“) Nähen lernte sie bereits in jungen Jahren in einer Einwandererfamilie in den USA, die eine chemische Reinigung betrieb. Dass Textilarbeit historisch gesehen ein Medium ist, auf das Frauen im Haushalt beschränkt waren, und dass die Ausbeutung von Arbeiterinnen in  Bekleidungsfabriken immer noch weitverbreitet ist, stelle den Kontext ihrer Arbeit dar, sagt sie. Sie wolle jedoch auf die Geschichte subversiver Textilherstellung aufbauen. „Für mich ist das Nähen ein Mittel, um Themen wie Einwanderung, Ausbeutung und Rassenpolitik in den USA zu untersuchen“, erklärt sie.

„Geschichten, die niemand sonst erzählen wird“

Sifuentes’ Co-Panelistin Urvashi Butalia ist seit Jahrzehnten als Aktivistin und Autorin tätig. Sie leitet den indischen Verlag Zubaan Books und bezeichnet sich selbst als „Wortmensch“. Sie würde ein breiteres Verständnis für die Rolle der Kunst in feministischen Bewegungen auf der ganzen Welt begrüßen, insbesondere in indigenen Gemeinschaften. „Kunst wird immer als Spiegel gesehen, der Ideologien und Politik reflektiert“, sagt sie, „aber sie fungiert als Archiv von Geschichten, die niemand sonst erzählen wird“.

Die entscheidende Frage sei, dass Frauen Wege finden, ihren Feminismus auszudrücken. „Ich glaube, dass Frauen ständig im Widerstand sind, jede Minute an jedem Tag. Doch oft haben sie einfach nicht die Mittel, um dies zum Ausdruck zu bringen“, so Butalia. „Wenn sie die Möglichkeit haben, kämpfen Frauen gegen die größten Widerstände.“ Auch für die afghanische Künstlerin Nabila Horakhsh ist die Kunst ein wichtiges Ventil, um persönliche Geschichten aus ihrem Leben zu erzählen, sowie eine Möglichkeit, die für afghanische Frauen im vergangenen Jahr zunehmend bedroht war. „Selbst wenn eine Frau die Wände eines Hauses bemalt, bringt sie etwas zum Ausdruck, das sonst nicht einmal als ausdruckswürdig angesehen wäre“, erklärt sie.

Gibt es einen Unterschied zwischen feministischer Kunst und der Kunst von Frauen? „Die feministische Bewegung hat sicherlich Künstlerinnen beeinflusst, auch wenn sie sich selbst nicht als Feministinnen bezeichnen – sie lassen ihre Geschichten und realen Lebenssituationen in ihre Kunst einfließen, egal ob es sich um berühmte Namen handelt oder um Frauen in Dörfern, die weben oder ihre Häuser bemalen. Es gibt keine wirklichen Schwarz-Weiß-Definitionen“, erzählt Horakhsh. „Anders als in der langweiligen Männerwelt“, sagt Butalia – und erhält Beifall aus dem Publikum.

Das Festival „Frequenzen. Feminismen global“ läuft auf dem Pfefferberg-Gelände und in den Sophiensälen vom 19. bis 21. Mai. Weitere Details zu dem Programm und den Mitwirkenden finden Sie hier.