Am 17. September hielt ich den Eröffnungsvortrag auf dem 89. Deutschen Archivtag in Suhl zu der Frage: Wie sollen die Dokumente vergangener Zeiten betrachtet werden? Auf hunderterlei Weise, versteht sich. Aber eines müssen sich die Besucher unserer vielen Archive immer wieder klar machen: Ihre Maßstäbe sind nicht die, die zu anderen Zeiten und unter jeweils sehr verschiedenen Lebensumständen galten.

Weil die staatlichen Akten der DDR so übermächtig erscheinen, kommt es darauf an, in höherem Maße als im Westen private Nachlässe aus allen gesellschaftlichen Ecken zu sichern. Die Archivierung von Tagebüchern, Briefen und biographischen Interviews trägt dazu bei, die vielfältigen Lebenswirklichkeiten in einem autoritär gelenkten Staat zu bewahren. Dazu gehören zum Beispiel die Dokumentationen und Gesprächsabende des Erzählsalons Rohnstock, den Katrin Rohnstock seit Jahren mit bewundernswerter Energie organisiert, ebenso das Projekt Erinnerungsbibliothek DDR. Die derart gesammelten geschichtlichen Quellen müssen mit entsprechendem Geld- und Personalaufwand gesichert und erschlossen werden, um späteren Betrachtern ein differenziertes Bild zu ermöglichen. Denn wie man an der spannungsreichen Dichtung, Romanliteratur, Malerei, Fotografie, Filmkunst und Musik der DDR sofort erkennt, bleibt es falsch, die DDRler und ihre Geschichte mit Hilfe der Schlagwortkette SED-Stasi-Unrechtsstaat geschichtlich zu erledigen. Es ist absurd, die DDR als „zweite deutsche Diktatur“ abzutun, um sie dann – wattiert mit ein paar relativierenden Floskeln – eben doch mit Nazideutschland in einen Topf zu werfen.

Der Nachlass von Christa Bertag, einst Generaldirektorin des VEB Kosmetik-Kombinat Berlin, ist historisch genauso wichtig wie der von Axel Springer, der Nachlass von Egon Krenz nicht weniger bedeutend als der von Rita Süssmuth. Zudem muss das Besondere gerettet werden. Dazu zählen die Betriebsarchive, die in der DDR sorgfältig aufbewahrt und gepflegt wurden, nicht jedoch im Westen. Ebenso denke ich an die Dokumente zur praktischen Ausbildung der Kinderpflegerinnen (seit 1972 der Krippenerzieherinnen) in der DDR. Das vereinigte, westlich dominierte Deutschland hat diesen Beruf sofort und besinnungslos vernichtet, aber bis heute nichts Entsprechendes entwickelt. Eine Schande. Die in der DDR für die Krippenerziehung verantwortliche Professorin Eva Schmidt-Kolmer, eine kommunistische Wiener Jüdin, hatte zur Entwicklung von Kleinkindern wesentlich Fundierteres zu sagen, als die Verfechter der antiautoritären Erziehung in der Alt-BRD. Dort wurde Lehrern das Recht zur körperlichen Züchtigung von Schülern in den 1970er-Jahren zögerlich entzogen – in der DDR bereits im Februar 1952, und zwar ohne Wenn und Aber. Ebenso zeitversetzt verhielt es sich mit der Sexualaufklärung. Erich Honecker fand bereits in jungen Jahren, es sei wichtig, „am Wochenende genügend Geld für eine Kinokarte und ein Kondom zu haben“. Von solchen Einsichten war die Adenauerrepublik sehr weit entfernt.

Staats-, kultur- und lebensgeschichtliche Quellen, die vielschichtige, auch verwirrende Einblicke eröffnen, gehören in die Archive. Dort mögen sie dann solche historisch Interessierten beflügeln, die sich weder als geschichtsblinde Rechthaber aufspielen noch für bessere Menschen halten.