Götz Aly: Wie kollektive Schuld zu einer verbindenden Kraft wurde

Die Reden des Historikers sind mehr als nur ein Nebenwerk zu seinen Arbeiten über die Tötungsmaschinerie der Deutschen zwischen 1933 und 1945.

Szene aus dem ZDF-Film „Wannseekonferenz“
Szene aus dem ZDF-Film „Wannseekonferenz“Julia Terjung/ZDF

Als Mitte der 1960er-Jahre in West-Berlin die Frage aufkam, was aus dem Gebäude werden solle, in dem am 20. Januar 1942 von Vertretern der SS und Angehörigen der NS-Reichsregierung die Details zur Ermordung der Juden festgelegt wurden, äußerte sich Eugen Gerstenmaier ungeniert offen.

Der Theologe und CDU-Politiker, der von 1954 bis 1969 Bundestagspräsident war, forderte rabiat: „Da kommt nur eines infrage, nämlich das Haus abzureißen, sodass keine Spur von der Schreckensstätte übrigbleibt.“ Der später oft wegen seine hohen Moralität gerühmte Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz widersprach. „Der Senat ist der Ansicht“, so Albertz, „dass durch den Abriss eines Hauses im Werte von mehr als einer Million Mark, in dem sich jetzt ein Landschulheim befindet, die Vergangenheit nicht bewältigt wird.“

Der teure Abriss und die Sorge um die angemessene Erinnerungspolitik – indem Albertz beides in einem Atemzug nannte, markierte er auch die Arglosigkeit, in der gut 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über die authentischen Orte der deutschen Versprechen gedacht und gesprochen wurde.

Der Autor Dr. Götz Aly
Der Autor Dr. Götz AlyMarkus Wächter/Berliner Zeitung

Götz Aly: Keine falsche Selbstgefälligkeit

Erwähnung finden die beiden Zitate in einer Rede, die der Historiker Götz Aly anlässlich des 75. Jahrestages der Wannseekonferenz 2017 gehalten hat. Er erinnert an die holprige Geschichte, die das idyllisch gelegene und historisch kontaminierte Haus durchlaufen musste, ehe es zu einer anerkannten und viel besuchten Gedenkstätte wurde.

Es sind Details und Szenen wie diese, die Götz Alys unter dem Titel „Unser Nationalsozialismus“ versammelte Reden zu einem Sammelbecken des Wissens und Lesevergnügen machen. Jenseits des Zwangs zur systematischen Darstellung verführt Aly zum Nachdenken im Kleinen, in dem angesichts der Gegenstände so gar nichts niedlich wird.

Fast immer haben Reden einen feierlichen Anlass. Die Atmosphäre, in der sie gehalten werden, tendieren zu milder Gestimmtheit. Gelegentlich gibt Götz Aly ihr nach, oft aber legt er los in der Absicht, jedwede Selbstgefälligkeit zu stören. In einer Rede im Thüringer Landtag, gehalten in Anwesenheit des rechtsradikalen AfD-Abgeordneten Björn Höcke, spricht Aly anlässlich des Holocaustgedenktages 2019 auch über die Abgründe einfacher Deutscher, die sich zur Beteiligung an der Tötungsmaschinerie haben hinreißen lassen.

Wiederholt wurde zuletzt von Gerichtsverfahren berichtet, in denen hoch betagte Wachleute über 70 Jahren nach ihren mutmaßlichen Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Aly indes verweist auf die historischen Relationen dieser verspäteten Urteilsfindung. „Wären solche Prozesse nach den heute angewandten strafrechtlichen Kriterien zwischen 1950 und 1970 in den drei Nachfolgestaaten des Großdeutschen Reiches – DDR, BRD und Österreich – geführt worden, dann hätten mindestens 300.000 deutsche und österreichische Männer und einige Zehntausend Frauen wegen solcher Taten zu lebenslänglicher Haft verurteilt werden müssen.“

In einer Dankesrede für den Erhalt des Geschwister-Scholl-Preises 2018 führt Aly in kurzen Strichen aus, wie es dem NS-Staat gelang, viele Deutsche zu Mittätern an den mörderischen Verbrechen zu machen. Vor diesem Hintergrund erscheint das Wort Kollektivschuld in einem völlig anderen Licht.

In Alys Verständnis kennzeichnet der Begriff gerade kein nachträglich übertragenes Stigma von außen. Vielmehr „müssen die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands auch als instrumentell eingesetzte Mittel zur Fesselung des eigenen Volkes verstanden werden.“ Die schlimmsten Massenmorde stabilisierten effektiv die objektiv haltlose, auf selbstmörderischen Untergang zusteuernde Naziherrschaft.

„Die Mixtur aus gemeinschaftlichem Profit und gemeinschaftlich zu verantwortenden Verbrechen schweißte Volk und Führung zusammen.“ Die angehäufte Schuld wirkte nicht beschämend, sondern war ein verbindendes Element.

Buchcover: „Unser Nationalsozialismus. Reden in der deutschen Gegenwart“ von Götz Aly.
Buchcover: „Unser Nationalsozialismus. Reden in der deutschen Gegenwart“ von Götz Aly.S. Fischer Verlag

Vergangenheit, die nicht vergeht

Es sind plausible und psychologisch weitreichende Folgerungen wie diese, die gerade in der Form kurzer Herleitungen für den jeweiligen Kontext einer Rede den Anstoß geben für weitere Lektüre. Götz Aly schöpft dabei aus seinen umfangreichen Arbeiten, etwa zu Hitlers Volksstaat oder auch den nationalsozialistischen Euthanasieprogrammen. Mit subtil-kriminalistischem Sinn entblättert er, wie das Münchner Institut für Zeitgeschichte eine Übersetzung des Hauptwerks des großen Holocaustforscher Raul Hilberg ins Deutsche lange hintertrieb.

Gerade in der Verknüpfung von Archivarbeit, journalistischem Gespür und der Lust an der Provokation eines Vortragenden weisen die Reden weit über einen Ergänzungscharakter hinaus, den das Nebeneinander von Aufsätzen und Reden oft suggerieren. Gerade diese kleine Form jedoch ist in der Lage, einen Beitrag zu der von Aly herausgearbeiteten Erkenntnis zu leisten, dass Vergangenheit letztlich nicht zu bewältigen, aber immer wieder aufs Neue zu gegenwärtigen ist.

Götz Aly: Unser Nationalsozialismus. Reden in der deutschen Gegenwart. S. Fischer, Frankfurt am Main 2023. 300 S., 25 Euro

Die Buchpremiere findet am 2. Februar im Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176 statt. Beginn 20 Uhr, Abendkasse 14 Euro