„In den Kisten ist nur Krempel“, sagt Götz Heymann, „meine Arbeit sieht man in den Filmen.“ Das gehört wohl zur Berufsehre für einen Szenenbildner. Aber beeindruckend ist es doch, was da demnächst ins Archiv wandert. Ein Foliant mit wundersamen Skizzen kommt ans Licht, für „Der Sturzflieger“ (1993) mit Götz George. „Meine Niederlage“, wie Heymann vorausschickt, denn von der visionären Pracht des geplanten Science-Fiction-Epos – liebevoll ausgearbeitet im eleganten Art-Deco-Stil – sieht man nicht mehr viel im Film. Das Riesenbudget schrumpfte mit jedem Monat der dreijährigen Produktionszeit, die Dreharbeiten wanderten von den Defa-Studios zur Bavaria nach München. Am Ende stand eine dürftige Weltraumklamotte, die ihrem Namen auch an der Kasse alle Ehre machte.

Zur Biografie eines Szenenbildners gehören solche Niederlagen ebenso wie die großen Erfolge. Letztere sind in der Regel selten. Und so ergibt sich nicht zufällig, schaut man auf die Filme von Götz Heymann, eine Geschichte des deutschen Films. Mit Fernsehfilmen fing alles an, viele Krimis darunter; dann kam der intellektuelle Autorenfilm, der große historische Film der 1970er- und 1980er-Jahre, vor allem aber: Einige Meisterwerke, viele davon vergessen, der Rest Handwerk. Wer diesen Beruf wählt, tut es aus Leidenschaft. Bei Götz Heymann währte sie, und das ist gegen alle Regel, mehr als fünf Jahrzehnte.

In Zehlendorf aufgewachsen, wollte er eigentlich Segelflugzeugbauer werden. Stattdessen landete er über Zufälle bei Emil Hasler, Ende der 1950er-Jahre Ausstattungschef beim SFB, zuvor gemeinsam mit Otto Hunte und Karl Vollbrecht Teil des legendären Filmarchitekten-Teams um den Regisseur Fritz Lang. Hasler schmiss den jungen Mann nun ins Wasser – mit den folgenschweren Worten, er brauche Urlaub. „Der Augenblick des Friedens“ (Regie: Egon Monk) wurde 1965 Heymanns erster Film. Johannes Schaafs Jugenddrama „Tätowierung“ öffnete ihm viele Türen. Bekannter ist heute seine Arbeit mit der formbewussten, nicht nur für Heymann schwierigen Filmemacherin Helma Sanders-Brahms. Auf die Kleist-Geschichte „Heinrich“ folgte „Deutschland, bleiche Mutter“: Erst auf der Berlinale 2015 wurde Sanders-Brahms’ extrem subjektive und darum 1980 auch extrem angefeindete Erinnerung an die eigene Mutter ins Recht gesetzt. Im Ausland galt der Film mit Eva Mattes schon immer als Klassiker.

Anekdoten im Sekundentakt

In diesem wie in vielen anderen Filmen von Heymann findet sich der Kontrast von großbürgerlichen und proletarischen Hintergründen, durchaus ein Markenzeichen. So sieht man in „Das Spinnennetz“, Bernhard Wickis 1989 groß produzierter Faschismus-Parabel nach dem Roman von Joseph Roth, nicht nur einen grandiosen Ulrich Mühe als Opportunisten, sondern neben wilhelminischem Glanz auch das Elend des jüdischen Berliner Scheunenviertels, nachgebaut übrigens in Posen. Mit Wicki – „einer mit einem unerhörten Blick“ – brauchte Heymann nicht viel zu reden. Der schlechte Gesundheitszustand des Regisseurs zog die Produktion – und manche sagen: den Film – allerdings arg in die Länge. Immerhin konnte Heymann bei den Dreharbeiten verhindern, dass ein umkämpftes metallenes Hoftor einen Haufen streikender Arbeiter unter sich begrub.

Wenn Götz Heymann über seine Filme redet, folgen solche Anekdoten im Sekundentakt. Er kann gar nicht anders, sagt er. Die Dreharbeiten etwa zum 1980er-Jahre-Klassiker „Theo gegen den Rest der Welt“ mit Marius Müller-Westernhagen auf der Jagd nach seinem geklauten Lkw waren die reine Katastrophe. „Fast nur Regen, mein Auto kaputtgefahren vom Regisseur, Schlägereien... darüber ein Film wäre toll.“ Aber Moment mal: Was macht ein Szenenbildner bei einem Film, der ausschließlich auf der Autobahn spielt? Nun, Heymann übernahm von Beginn seiner Karriere an auch die Motivsuche. Oft sah er das Abklappern möglicher Drehorte als seine eigentliche Aufgabe, im Suchen und Finden liegt seine wahre Passion. Und so erklärt er einem nicht, warum Roland Klicks Simmel-Verfilmung „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ so anders aussieht als andere Filme des gescheiterten Wunderkinds. Aber dass er einer Witwe für 800 D-Mark den ganzen Hausstand abkaufen und damit denFilm ausstatten konnte, freut ihn noch heute.

Auch auf diese Weise dokumentieren Heymanns Arbeiten westdeutsches Alltagsleben, bei Klick etwa das grimmige West-Berlin der 1970er: So manche urige Kneipe, Mördervilla oder schummerige Diskothek deutscher Fernsehkrimis geht auf sein Konto; zahlreiche „Tatort“-Folgen mit Götz George als Schimanski verließen sich auf seine Ausstattung. Ein fantastisches Filmset schuf er noch einmal für Peter Keglevics New-Wave-Romanze „Der Bulle und das Mädchen“: In Bond-Manier ballert sich Jürgen Prochnow zu Anfang durch ein riesiges Schießlabyrinth. In Gänze zu sehen, ist es dann nur zwei Sekunden.

Mit Regisseuren wie Andrzej Wajda, Dieter Wedel, Matti Geschonneck und zuletzt auch Frank Beyer („Der Hauptmann von Köpenick“, mit Harald Juhnke) hat Heymann gearbeitet. Die Zeugnisse dieses Schaffens übergibt er nun der Akademie der Künste, wo man – seltene Ehre für einen Szenenbildner – ein „Götz-Heymann-Archiv“ plant. Heute lebt der Geehrte in Grunewald, zeichnet noch gelegentlich in seinem Atelier – und würde Jüngeren nicht unbedingt zu seinem Weg raten. Er selbst, freischaffend aus Überzeugung, hatte in seiner bei der Deutschen Oper als Kostümbildnerin angestellten Frau Susanne eine Stütze, auch in raueren Zeiten. Dass seine Tochter Anna ebenfalls Szenenbildnerin wurde, sehen die beiden dennoch mit Wohlwollen. Und warum auch nicht? „Ich hatte Arbeit, ich hatte Spaß.“ Am Sonntag feiert Götz Heymann seinen 80. Geburtstag.