Gojko Mitić in „Chingachgook, die große Schlange“ von 1967.
Foto: Defa-Stiftung/Waltraut Pathenheimer

BerlinVon denen einen wurde er liebevoll „Chefindianer der DDR“ genannt, von den anderen etwas abschätzig „Pierre Brice des Ostens“ – Gojko Mitić. Seine erste Defa-Hauptrolle in „Die Söhne der großen Bärin“ sollen elf Millionen DDR-Bürger gesehen haben. Nicht schlecht für ein Land mit 17 Millionen Einwohnern. Nach dem Ende der DDR überbot der gebürtige Jugoslawe sogar seinen West-Konkurrenten, den Franzosen Pierre Brice. Mitić übernahm 1992 dessen Rolle bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg – da war er bereits 52 Jahre alt und blieb dort 14 Jahre der Winnetou-Rolle treu. Nun wird er 80 Jahre alt.

Besser als jedes Eis

Manches bleibt für immer. Die erste Narbe, die erste Lieblingsband, der erste Kuss, der erste Superheld. Als Kind des Ostens war Gojko Mitić mein Held. Er spielte die mutigsten Häuptlinge. Ein schwitzender Held. Anders als Pierre Brice, der so aussah, als sei sein Kostüm aus Wildlederlappen geschneidert, die man in der Werbung im Westfernsehen zum Polieren von Autos benutzte.

Im Sommer ’73 war ich bei meiner Cousine. Es war heiß, aber ich wollte nicht baden gehen – im Kino lief der neue Gojko. Das Filmereignis des Jahres für einen Siebenjährigen.

Mein Onkel hatte uns Geld gegeben, doch wir zwei waren die einzigen Zuschauer. Der Filmvorführer sagte: „Wir spielen erst ab fünf Leuten.“ Mein Onkel hatte uns auch Geld für Eis gegeben. Also kauften wir fünf Karten und durften endlich mitfiebern, wie der stolze Gojko gegen den fiesen Rolf Hoppe kämpfte.

Der Film war besser als jedes Eis. Gojko war zwar kein Schauspielgott wie Hoppe, aber welcher Superheld der Kindheit ist das schon.

Manche Dinge bleiben für immer. Ich werde immer Gojko-Fan sein, und auch Fan von Bon Scott, dem Sänger von AC/DC. Die beiden passen überhaupt nicht zusammen. Aber sie waren nun mal die Ersten. Jens Blankennagel

Pierre Brice (l.) und Gojko Mitić als Winnetou und Wokadeh in dem Film „Unter Geiern“ (1964).
Foto: imago images/Mary Evans

Sein Wigwam stand in Babelsberg

Ich war ein Teenager, als die Defa „Die Söhne der großen Bärin“ verfilmte, mit einem verdammt gut aussehenden jungen Mann, die Inkarnation des Indianer-Häuptlings im Wilden Westen, der uns DDR-Girls ferner war als der Mars. Das war 1965. Da bezog der fließend Deutsch sprechende jugoslawische Sportstudent Gojko Mitić seinen Wigwam in den Studios Babelsberg. Meine Freundin Moni und ich guckten den Film zigmal.

Gojko war unser Traumtyp: Blanke Brust, zwischen den Muskeln baumelte nur die Kette mit den Bärenzähnen. Die Defa drehte bis Mitte der Siebziger jährlich einen Indianerfilm mit ihm: „Spur des Falken“, „Blutsbrüder“. Wir verpassten keinen – dieser gestählte Körper, das asketische Gesicht. Und was Gojko anstellte! Er verzichtete in Action-Szenen auf Doubles, führte jeden Stunt selbst aus. Die pickligen Jungmänner unserer Altersgruppe hatten gegen dieses Idol keine Chance. Und in was für einer für uns unerreichbaren Landschaft wurde gedreht, mitten in den Kalkfelsgebirgen Jugoslawiens, die Nähe zur Adria war zu ahnen. Später, leider, empfand ich das Gut-Böse-Schema bei „Tecumseh“ oder „Apachen“ als viel zu ideologisch. Winnetou Gojko konnte nichts dafür. Ingeborg Ruthe

Lustig bemalte Ostler

Auch ich war mal Indianerin. Das ist ungefähr 50 Jahre her und war beim Fasching in meiner Heidelberger Grundschule. Das Kostüm mit Zierborte und Fransen hatte meine Oma gemacht, sogar die Perücke mit den schwarzen Wollzöpfen. Ich war Winnetous Schwester Nscho-tschi. Die, die sich in Winnetous Freund Lex Barker verliebt, also in Old Shatterhand, in dessen Armen sie in der dritten Folge stirbt. Der Winnetou, den ich auf unserem Schwarz-Weiß-Fernseher, anhimmelte, hieß Pierre Brice. Ich fand ihn unglaublich edel.

Ich weiß nicht genau, wann ich erfuhr, dass es in einer anderen Filmwelt einen Häuptling namens Gojko Mitić gibt. Ich weiß auch nicht, wann ich den ersten Film mit ihm gesehen habe. Es wird nach der Wende gewesen sein, wahrscheinlich wollte ich ein Stück Filmgeschichte nachholen.

Die Filme kenne ich nun, aber der Zauber hat sich nicht eingestellt. Statt edler Indianer meinte ich verkleidete, lustig bemalte Ostler zu erkennen. Und Gojko und Pierre?  Tut mir leid, aber das ist kein Vergleich.

Wahrscheinlich geht es jemandem, der mit Gojko Mitić aufgewachsen ist, ähnlich, nur eben umgekehrt. Man braucht den Kinderblick auf diese Filme. Den kann man nicht nachholen. Susanne Lenz

Ein richtiger Schauspieler

Ich glaube, es war „Ulzana“. Denn die „Apachen“ kannte ich damals schon, die späteren „Blutsbrüder“ haben keinen starken Eindruck bei mir hinterlassen. Aber ich weiß noch, dass ich zum ersten Mal im Freiluftkino saß, Schlafsack-umhüllt. Sagenhaft stolz blickte ich um mich. Alle schienen älter als ich zu sein – ein Gefühl, das ich damals schon zu schätzen wusste. Heute beseelt es mich gerade mal noch bei Patti-Smith-Konzerten. Mein Bruder hatte mich mitgenommen, der Film war eigentlich erst ab zwölf Jahren zugelassen. 

Gojko Mitić hat mich natürlich sehr beeindruckt, der ganze Film war darauf ausgerichtet, diesen sportlichen Mann mit den langen Haaren zu bewundern. An ihm und am Sänger Dean Reed lernten wir im Osten, was ein Star ist. Die Indianerfilme der Defa prägten auch ein Bild von Gerechtigkeit, allerdings zeigten sie eine reine Männerwelt.

Dass Gojko Mitić ein richtiger Schauspieler ist, nicht bloß auf die eine Figur festgelegt, lernte ich später ausgerechnet an einem Film, für den ich dann viel zu alt war. In „Das Herz des Piraten“ von Jürgen Brauer spielte er die männliche Hauptrolle. Der Film brachte das poetische Kinderbuch von Benno Pludra ins Leben, Gojko Mitić zeigte sich als Vater und Traumgestalt mit der richtigen Aura für diese Geschichte. Cornelia Geißler

Der Schauspieler Gojko Mitić probt bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg seine Rolle als Apachenhäuptling Winnetou in dem Stück „Winnetou III“. 
Foto: dpa/Ulrich Perrey

Die Feder

Im Sommer 1999 bekam ich den Auftrag, Gojko Mitić in Bad Segeberg zu besuchen. Es war die Zeit, in der man gern abfällig über Oststars schrieb und Ironie mit Häme verwechselte. Etwas in dieser Art wurde wohl auch von mir erwartet. Und wer eignete sich dazu besser, als dieser alte Indianer, der mit fast sechzig jeden Abend im Fransenanzug vor sein Publikum trat und die Verse Winnetous deklamierte. Ich hatte keine Lust auf so was, ich hatte keine Fragen an ihn und überdies noch Bedenken, meine spätkindlichen Illusionen zu verlieren. Nicht die besten Vorzeichen.

Wir haben uns am Morgen nach der Vorstellung am Stall hinter der Bühne getroffen. Es roch nach Pferdeäpfeln und Stroh, Gojko Mitić erzählte von seiner Kindheit in Serbien, die er bei den Großeltern verbrachte, weil sein Vater als Partisan in den Bergen kämpfte. Wir haben auch über seine Reisen nach Nordamerika gesprochen, wo er bei den Sioux als kultureller Botschafter aufgenommen wurde. Zwischendurch strich er immer mal wieder einem der Tiere über den Nasenrücken. Der ganze Text hätte aus drei Wörtern bestehen können: bescheiden, zugewandt, interessiert. Als wir uns an seinem Auto verabschiedeten, fiel mir ein Detail auf, das vielleicht alles über sein Lebenswerk sagt, das in gewisser Weise sein Leben geworden war. Auf der Hutablage lag eine Adlerfeder. Frank Junghänel