An diesem Sonntag beginnt in Hollywood mit den Golden Globe-Awards endgültig die heiße Phase der Oscar-Saison, und es wäre schon eine große Überraschung, wenn das Drama „12 Years a Slave“ an diesem Abend leer ausgeht. Der Film von Steve McQueen über einen freien Schwarzen aus New York in der Vor-Bürgerkriegszeit, der in den Süden verschleppt und versklavt wird, ist in fast allen wichtigen Kategorien nominiert: als bestes Drama, für die beste Regie, den besten Hauptdarsteller, die besten Nebendarsteller und das beste Drehbuch. McQueens Regiearbeit steht damit kurz davor, sein erklärtes Ziel zu erreichen. Die PR-Maschine von Brad Pitts Produktionsfirma Plan B jazzte „12 Years a Slave“ schon vor der Premiere zum „größten Film aller Zeiten“ hoch: Ein Oscar ist das Minimum für das Drama.

Der Kritik in den etablierten Medien zufolge hätte dieser Film die Würdigung auch mehr als verdient. Kaum ein Rezensent befand McQueens Werk nicht für überaus wichtig. „Dieser Film wird es dem amerikanischen Kino endgültig unmöglich machen, weiterhin die Lügen zu perpetuieren, die es seit 100 Jahren über die Sklaverei verbreitet“, lobte etwa die New York Times. Doch nicht jeder in Amerika ist glücklich über den Erfolg von „12 Years a Slave“. Ausgerechnet unter afroamerikanischen Kulturbeob-achtern regt sich deutlicher Unmut darüber, dass sich die Filmbranche mit dem Film in ihrer Betroffenheit selbst gefällt. „Natürlich müssen wir uns der Geschichte bewusst sein“, schrieb etwa Anthony Asadullah Samad auf dem Entertainment-Portal Los Angeles Wave. „Aber müssen wir uns diese Geschichte wirklich jedes Jahr im Kino anschauen?“, fügte Samad in Anspielung auf das Sklaverei-Doppel „Lincoln“ und „Django“ von 2012 an.

Samad war mitnichten allein mit seinem Einwand. So beschwerte sich die Kritikerin des Kulturportals Buzzfeed, Shani Hilton, dass bei Filmen wie „12 Years“ und „The Butler“, der ebenfalls als aussichtsreicher Bewerber ins Oscar-Rennen geht, dass das Schicksal der dargestellten Afroamerikaner nur einem dient: der weißen Erbauung.

Afroamerikaner selbst seien hingegen überhaupt nicht scharf darauf, immer wieder als zu rettende Opfer dargestellt zu werden. Hilton wollte auch nichts davon wissen, dass 2013 angeblich das „Jahr des schwarzen Films“ gewesen sein soll, wie das im Herbst unter anderem die Feuilletons der New York Times und von USA Today verkündet hatten. „Natürlich gab es in diesem Jahr viele Filme von schwarzen Regisseuren und mit einer vorwiegend schwarzen Besetzung: ’12 Years a Slave’, ’Fruitvale Station’, ’The Butler’, ’Oldboy’, ’Bagage Claim’ und Tyler Perrys ’Madea Chistmas’. Aber diese Filme sind derartig unterschiedlich, dass man ihren Machern nicht den geringsten Gefallen damit tut, sie in einen Topf zu werfen, nur weil sie die gleiche Hautfarbe haben.“

Wie bei der selbstgefälligen Zelebration des Dramas „12 Years…“ durch das Film-Establishment wittert Hilton in der Deklaration eines „schwarzen Filmjahrs“ latenten Rassismus. Zum einen habe man solche vermeintlichen Durchbruchsjahre für schwarze Filmkunst schon öfters gehabt: 1992 mit „Malcolm X“ und „Juice“, 2005 mit „Hitch“ und „Hustle & Flow“, 1984 mit „A Soldier’s Story“… Zum anderen würde ja auch niemand darauf kommen, den „Großen Gatsby“, „Blau ist eine warme Farbe“ und „Hangover 3“ zusammenzuwürfeln und 2013 zum „Jahr des weißen Films“ zu erklären.

Dem ist nur schwer zu widersprechen. Die Zeiten, in denen schwarze Filmemacher dankbar waren, überhaupt Filme auf die Leinwand zu bringen und dann noch mit schwarzen Themen, sind in den USA lange vorbei. „Klar ist man in den 1980er- und 1990ern immer ins Kino gegangen, wenn ein neuer Spike Lee kam, nur um die gute Sache zu unterstützen“, sagt etwa Malcolm Lee, Regisseur und Produzent des schwarzen Kinohits „Best Man Holiday“. Damals sei es darum gegangen, sich überhaupt der Produktions- und Vertriebsmittel bedienen zu können. Doch in der Obama-Ära wollen schwarze Filmemacher in den USA mehr.

Am Filmbusiness teilnehmen zu dürfen, ist kein Erfolg mehr, der gefeiert werden muss. Da die neuen Technologien Wege bieten, das Studiosystem zu umgehen, haben schwarze Filmemacher die gleichen Möglichkeiten wie jeder andere, Ideen umzusetzen. Heute wollen sie als gleichberechtigte Marktteilnehmer ernst genommen werden, nicht als Quotenschwarze. Auch das Publikum ist da einen großen Schritt weiter. Der erfolgreichste schwarze Film des Jahres war Lees „Best Man Holiday“, eine Komödie mit hauptsächlich schwarzer Besetzung. Sie zeigte weder unterdrückte noch arme Afroamerikaner, sondern die gut verdienende schwarze Mittelschicht. Der Film spielte innerhalb von zwei Wochen doppelt so viel ein wie „12 Years a Slave“ in fünf Wochen. Eine Nominierung für die Golden Globes bekam er nicht.