Dekolletés zu enteisen, das ist eine Kunst, die hierzulande nur wenige TV-Moderatoren beherrschen, im Grunde genommen nur einer: Hape Kerkeling. Es traf sich ausgezeichnet, dass derselbe Mann auch ein Gerät erfunden hat, das Gedanken lesbar macht.

Beides Fähigkeiten, ohne die sich die 47. Verleihung der Goldenen Kamera der Programmzeitschrift Hörzu schon im Februar den Anspruch auf den Titel „zweitlangweiligstes TV-Spektakel des Jahres 2012“ gesichert hätte, nach dem Karneval: „Mainz - wie es singt und lacht.“

Pompöse Preisverleihung

Die Goldene Kamera, das ist der Oscar einer Programmzeitschrift, die zwar noch immer Hörzu heißt, die nach 65 Jahren aber lieber über Papageien oder Prostata berichtet als über das TV-Programm. Dementsprechend pompös muss man sich die Preisverleihung vorstellen. Es ist ein als Show-Attrappe getarntes Betriebsfest des Hörzu-Verlages, der Springer AG.

Um diese Veranstaltung davor zu bewahren, sich selber ad absurdum zu führen, bedarf es übersinnlicher Kräfte. Hape Kerkeling hat es am Samstag in der Ullstein-Halle demonstriert. Sein Gerät, das Gedanken lesbar macht, versöhnte einen nicht nur mit dem Auftritt eines drittklassigen Franz-Beckenbauer-Imitators, der auf den Namen Knop hört und der auch diesen Einsatz als Laudator für die ZDF-Kollegin Katrin Müller-Hohenstein in der Kategorie Sportmoderation wieder erwartungsgemäß „vermatzte“.

Man verdankte ihm auch Einblicke, die man sonst nur bekommt, wenn man so genannten Prominenten im „Dschungelcamp“ dabei zuschaut, wie ihre Mimik unter Härtebedingungen entgleist. Das ZDF dürfte nach dem Abend jedenfalls noch stärker bedauern, dass Kerkeling die Gottschalk-Nachfolge bei „Wetten, dass..?“ abgesagt hat – zumal er auch noch die Hörzu-Leserwahl als bester Comedian gewann.

Immerhin erfuhren die mehr als fünf Millionen Zuschauer, die die Sendung an diesem Abend eingeschaltet hatten, durch Kerkelings Gedankenmaschine exklusiv, dass Hollywood-Schauspieler und Regisseur Morgan Freeman etwa für einen Moment glaubte, er habe sich, wenn nicht auf dem Planeten, dann doch zumindest in der Adresse geirrt: „Mein Gott, ich kenne hier keinen.“

Der Chauffeur aus der oscar-gekrönten Tragikkomödie „Driving Miss Daisy“ (1989) saß ein wenig verloren in der ersten Reihe, neben der ganz in türkis glitzernden Witwe des Verlagsgründers, Friede Springer.

Sylvie Van der Vaart, die Frau Antje unter den blonden Moderationsassistentinnen, dachte laut: „Ich liiieebe die Bambi, au, ja.“ Den Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, will Hape Kerkeling immerhin bei dem Gedanken ertappt haben : „Macht er was über den Wulff?“

Leere Sprechblase

Und dann war da noch die Frau mit Blubb, Verona Pooth. Der Frau, die einst als Retterin des Dativs berühmt wurde, dürfte es wie vielen der 1200 VIPs aus der Showbranche gegangen sein, die als Staffage in diesem Gratulanten-Stadl herhielten. Die Sprechblase über ihrem Kopf blieb leer. „Oh Gott, ist das peinlich! Ich denke gar nichts.“

Solche Momente waren die Höhepunkte dieser Veranstaltung, der man immerhin zugute halten muss, dass ihre Botschaft zur Philosophie der ZDF-Unterhaltung passt: Mehr Blubb wagen. Sie versöhnten den Zuschauer auch damit, dass die „Venus“ des deutschen TV-Films, Christine Neubauer, plötzlich nur noch die Hälfte wog und Uschi „Schätzchen“ Glas den Preis für die beste Nachwuchsschauspielerin schon wieder nicht gewann. Der ging an die 21-jährige Liv Lisa Fries.

Hape Kerkeling hätte sein Spiel mit dem Gedankenlesegerät ewig weiterspielen können. Doch ob man‘s glaubt oder nicht: Dafür reichten die zweieinhalb Stunden dann doch nicht aus.

Eine Menge Hörzu-Hollywood

Es galt, vierzehn Preise zu verteilen, und zieht man davon noch die Goldenen Kameras für die Soulsängerin Dionne Warwick und die US-Schauspieler Denzel Washington und Scarlet Johansson ab, dann blieb noch eine Menge Hörzu-Hollywood übrig.

Ob Nina Kunzendorf geahnt hat, was sie da nicht verpasste? Die super-klasse-schräge Tatort-Kommissarin gewann den Preis als beste deutsche Schauspielerin, blieb der Veranstaltung aber fern. Sie liege mit einer Mittelohrentzündung im Bett, ließ sie per SMS ausrichten.

Dabei könnte es das letzte Mal gewesen sein, dass es die Hörzu im Zweiten Goldene Kameras regnen lässt. „Nach dem Maya-Kalender steht uns der Weltuntergang bevor“, verkündete Hape Kerkeling, der Hoffnungsträger des ZDF. Wie zum Beweis schwenkte die Kamera auf das Gesicht des CSU-Verkehrsministers, Peter Ramsauer. Und da glaubte man es auch: Die Mayas hatten Recht.