Während der Filmfestspiele in Cannes kann es geschehen, dass man unversehens neben einer Berühmtheit sitzt, die sich eben mal die Arbeit eines Kollegen ansehen will. Gelegentlich wird man dabei überrascht: Dass sich Brian De Palma einen Film der italienisch-französischen Schauspielerin und Regisseurin Valeria Bruni Tedeschi ansieht, hätte man dem US-Regisseur (u.a. „Carrie – Des Satans jüngste Tochter “, „Passion“) damals nun wirklich nicht zugetraut. Und legendär ist inzwischen jene Begebenheit, als einer der zahllosen Journalisten Charlotte Rampling nicht erkannte und die Schauspielerin wegschickte, als die nach dem Platz neben ihm fragte.

Beim 67. Festival, das am Samstagabend mit der Vergabe der Preise zu Ende ging, konnte man den 55-jährigen Nuri Bilge Ceylan beobachten, der sich das neue Werk der 83-jährigen Regielegende Jean-Luc Godard anschaute. Fast schüchtern saß der große türkische Autorenfilmer zwischen den Fachbesuchern – dabei war Nuri Bilge Ceylan mit „Winter Sleep“ der Favorit für die Goldene Palme.

Die Palme d’Or wurde ihm am Sonnabend dann auch verdientermaßen zugesprochen: Das mehr als dreistündige Epos über ein paar Menschen, die sich selbst oder andere subtil quälen, ist nicht allein eine großartige Beziehungsstudie – der Film entwirft in nur wenigen Figuren auch gleich ein Porträt der gegenwärtigen türkischen Gesellschaft. Im durch seine bizarren Steinformationen beeindruckenden Kappadokien angesiedelt, verhandelt „Winter Sleep“ Stagnation und Abhängigkeiten quasi mit Tschechow-Format.

Seine Dankesrede nutzte der Gewinner für ein Statement. „Ich widme diesen Preis den türkischen Jugendlichen, die im vergangenen Jahr ihr Leben verloren haben“, sagte Nuri Bilge Ceylan bewegt, was wohl auf die Politik des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan gemünzt war. Dies ist die zweite Goldene Palme für einen Film aus der Türkei; 1982 hatte das Drama „Yol – Der Weg“ von Serif Gören und Yilmaz Güney den Hauptpreis von Cannes gewonnen. Manche Leute halten Nuri Bilge Ceylan immer noch für einen Fußballer, was sich nun wohl ändern muss.

Mit dieser Palmen-Entscheidung der Wettbewerbsjury unter Vorsitz der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion kann man hochzufrieden sein. Mit anderen Beschlüssen indes weniger. Oder gar nicht. Über den Grand Prix (Großer Preis) für „Le meraviglie“ von Alice Rohrwacher etwa kann man sich nur wundern. Der Film der italienischen Regisseurin erzählt von einer sehr armen Familie, die von der Imkerei lebt.

Der Vater will seine Frau und vier Töchter auf reichlich despotische Art vor der Welt zu schützen, indem er sie mehr oder weniger zu isolieren versucht. Die Kinder müssen hart arbeiten. Das Bedürfnis des ältesten Mädchens, sich zu emanzipieren und sogar zu befreien von der seltsamen väterlichen Liebe, führt schließlich dazu, dass die Familie an einem Wettbewerb für regionale Produkte teilnimmt, bei dem Geld zu gewinnen ist. Überfrachtet mit der Figur eines kriminellen österreichischen Teenagers, den das Paar wegen der zu erwartenden Vergütung zur Bauernhof-Resozialisierung aufnimmt, gibt „Le meraviglie“ das ärgerliche Beispiel eines überkonstruierten und symbolisch albernen Films.

Natürlich ist es zu begrüßen, dass die Jury, zumal Jane Campion, offenbar auch eine Frau ehren wollte mit einem der Hauptpreise. Oder ist das eine unzutreffende Vermutung? Verwunderung herrscht auch über die Auszeichnung der unbestreitbar großartigen Julianne Moore als beste Schauspielerin – wo Anne Dorval in „Mommy“ die Festivaliers doch durch die Bank weg begeisterte mit ihrem Porträt einer wehrhaften 46-Jährigen, die nicht altern will und mit einem hyperaktiven Sohn geschlagen ist. Aber so ist nun einmal das Reglement von Cannes: Hier darf, mit wenigen Ausnahmen, kein Film mehr als eine Auszeichnung bekommen.

Und da der 25-jährige kanadische Regisseur Xavier Dolan für seine herrlich hysterisierte „Mommy“ zu Recht den Preis der Jury erhielt, war für Dorval nichts drin. Unter Tränen dankte Dolan der Jury-Chefin Campion: Deren Palmen- sowie Oscar-Gewinner „Das Piano“ habe seine Karriere entscheidend beeinflusst. Der Preis der Jury ging indes zu gleichen Teilen auch an Jean-Luc Godards 3D-Experiment „Adieu au langage“.

Mit Dolan und Godard zeichnete die Jury den ältesten und den jüngsten Regisseur des Festivals aus. Begrüßenswert ist auch die Preisentscheidung für die beste Regie, die der US-Amerikaner Bennett Miller für „Foxcatcher“ erhielt. Dass Andrej Swjaginzew und Oleg Negin für „Leviathan“ der Preis fürs beste Drehbuch zugesprochen wurde, wirkt eher wie ein Trost: Kriminalfilm und Hiob-Geschichte zugleich, ist dies ein starker und dabei mutiger Film über die Verfasstheit Russlands – der von der Putin unterstehenden russischen Filmförderung unterstützt wurde – , über korrupte Autoritäten und die Macht der russisch-orthodoxen Kirche.

Und für Wim Wenders gab es sogar ein Happy End: Sein gemeinsam mit Juliano Salgado inszenierter Dokumentarfilm „The Salt of the Earth“ über den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado erhielt einen Spezialpreis. Recht so.