Der Bau des orientalisch angehauchten Herrenhauses trieb den Kaufmann Johann Christian Gentz letztlich in den Ruin. Vorher verbrachte er mit seiner Familie in Gentzrode schöne Tage.
Foto: Andreas Förster

NeuruppinDas Gut Gentzrode nördlich von Neuruppin, dessen architektonisch reizvolle Gebäude schon den Dichter Theodor Fontane entzückten, ist nicht einfach zu finden. Die Landstraße, an der es bei seiner Errichtung vor gut 150 Jahren noch lag, ist im Laufe der Zeit einen halben Kilometer weiter nach Westen gewandert. Sie führt heute als L16 von Neuruppin nach Rheinsberg. Und so muss man schon ein bisschen Gespür mitbringen, will man den Weg zu diesem vergessenen Ort finden. Doch man sollte sich beeilen – denn die Gebäude des alten Gutes sind inzwischen so verfallen, dass die Denkmalschutzbehörde des Landkreises sie jetzt aufgegeben hat.

Hinter einer Rechtskurve der L 16, an einem mächtigen Baum, führt eine schmale Kopfsteinpflasterstraße rechts in eine mit Krüppelkiefern und Ginsterbüschen bewachsene Heidelandschaft. Über die Straße dürfte schon Fontane in seiner Kutsche gefahren sein, der mehrmals auf dem Gut der Familie Gentz zu Besuch war und in seinen „Wanderungen durch die Mark“ den Zauber dieses Anwesens rühmt.

Turmzimmer mit Sternendecke

Käme der 1898 verstorbene Dichter jedoch heute nach Gentzrode zurück, würde ihm das Herz bluten. Das einst so prächtige Herrenhaus der Gutsfamilie ist verfallen und zugewuchert. Zwischendecken sind eingestürzt, Treppen führen ins Nichts, die Wände sind mit Farbe besprüht. Der alte Kornspeicher mit dem charakteristischen runden Turm am Nordgiebel sieht auf den ersten Blick von außen noch ganz gut aus. Aber auch dort sind Zwischendecken und Treppenhäuser eingestürzt, das Dach ist zerstört. Die Pracht der einst wunderschön bemalten und kunstvoll gemauerten Kuppeldecken der Turmzimmer ist nicht einmal mehr zu erahnen.

Auch das runde Zimmer im ersten Stock war seinerzeit reich geschmückt mit Teppichen, Geweihen und Tigerfellen, mit Raubvögeln und Wildschweinsköpfen, meist selbstgemachte Jagdbeute.

Theodor Fontane

Will man den Verlust ermessen, muss man Fontanes Schilderungen aus seinen „Wanderungen“ nachlesen: „Der thurmartige Anbau, mit einem mächtigen Thurmknopf oben, empfing ein großes Zimmer im Erdgeschoß und ein eben so großes im 1. Stock, woran sich dann, im 2. Stock, einige kleinere Räume: Schlafzimmer und Logierzimmer anschlossen.“

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Besonders faszinierten Fontane die   Turmzimmer: „Es ist eine dunkelgrüne runde Halle, oben mit goldenen Sternen bemalt. … Auch das (runde Zimmer – d.Red.) im ersten Stock war seinerzeit reich geschmückt mit Teppichen, Geweihen und Tigerfellen, mit Raubvögeln und Wildschweinsköpfen, meist selbstgemachte Jagdbeute. … Oben aber lief ein Außengang um den Turm herum, von dem aus man einen trefflichen Überblick über Näh' und Ferne hatte.“

Im Rundzimmer im Erdgeschoß empfing der Hausherr seine Gäste, die besonders im Sommer zahlreich kamen
Foto: Andreas Förster

Das obere Zimmer, so schildert es Fontane, war das Arbeitszimmer von Alexander Gentz, das Rundzimmer im Erdgeschoß diente als Empfangsraum für die besonders in den Sommermonaten häufigen Besucher. „Auch solche, die für längere Zeit in Gentzrode verweilten, hatten in diesem Parterreraum ihr regelmäßiges Frühstücksrendezvous mit der Familie“, schreibt der Dichter.

1855 hatte der Tuchmacher, Kaufmann und Torfstichbesitzer Johann Christian Gentz auf den „Kahlen Bergen“ nördlich von Neuruppin ein großes Anwesen erworben, um dort zusammen mit seinem Sohn Alexander einen landwirtschaftlichen Musterbetrieb aufzubauen. 1861 entstand der Kornspeicher mit dem angeschlossenen „Wohnturm“. Als Alexander Gentz mit seiner Familie schließlich auf das Gut umzog, wollte er das Anwesen zu einem Park mit Schloss und Mausoleum umgestalten.

In den Ruin getrieben

1876/77 entstand so direkt neben dem Kornspeicher das nach Entwürfen von Martin Gropius und Heino Schmieden im Stil des orientalisierenden Historismus gehaltene Herrenhaus von Gentzrode. Allerdings liefen die Baukosten für das Haus und den von Gustav Meyer gestalteten Park aus dem Ruder, woraufhin die Firma Gentz 1880 in den Ruin ging und das Gut ein Jahr später verkaufen musste.

1861 entstand der Kornspeicher mit dem angeschlossenen „Wohnturm“.
Foto: Andreas Förster

In den Folgejahren wechselten die Besitzer mehrfach, bevor es 1934 von der Wehrmacht übernommen und als Schießplatz und Munitionslager genutzt wurde. Nach Kriegsende besetzte die Rote Armee das Gut Gentzrode und errichtete dort zusätzliche Kasernenbauten. Daran erinnern bis heute erhaltene russische Inschriften am Turm des Kornspeichers: Soldaten hatten ihren Heimatort und die Jahreszahlen ihrer Dienstzeit in Gentzrode in die Ziegelsteine gekratzt. Dem alten Fontane hätten solche Spuren der Geschichte sicher gefallen.

Verblasster Traum vom Golfhotel

Seit dem Abzug der russischen Armee 1992 stehen die Gebäude leer und verfallen zusehends. Zwar gab es mehrere Investoren – zuletzt eine türkische Firmengruppe – die Gut Gentzrode in eine mondäne Hotellandschaft mit eigenem Golfplatz umwandeln wollten, doch es blieb bei Träumereien.

Im vergangenen Fontane-Jahr 2019, das Neuruppin dem berühmten Sohn der Stadt mit großem Pomp widmete, wäre eine Aufgabe von Gut Gentzrode noch ein mittlerer Skandal gewesen.

Teile des Gebäudes stürzen schon in sich zusammen.
Foto: Andreas Förster

Nun aber, da alle Welt von der Corona-Krise spricht, hat die Denkmalschutzbehörde des Landkreises Ostprignitz-Ruppin still und heimlich den Daumen über das historische Gebäudeensemble gesenkt. Auch im Denkmalschutzrecht sei das Thema Wirtschaftlichkeit von Bedeutung, begründet das Büro des Landrats die Entscheidung. „Eine wirtschaftliche Belastung ist insbesondere unzumutbar, wenn die Kosten der Erhaltung und Bewirtschaftung dauerhaft nicht durch die Erträge oder den Gebrauchswert des Denkmals aufgewogen werden“, heißt es auf Anfrage. Über einen Abriss der verfallenen und einsturzgefährdeten Reste des Herrenhauses und des Kornspeichers denkt man beim Landkreis gleichwohl noch nicht nach. „Da sich das Gebäude völlig abseits öffentlicher Wege befindet, ist ein Abriss zum Schutz der öffentlichen Sicherheit nicht zwingend erforderlich.“

Noch also kann man über das Kopfsteinpflaster zum alten Gut fahren und sich anschauen, was von der alten Pracht übrig geblieben ist. Fontanes „Wanderungen“ sollte man dabeihaben, das hilft ein wenig über den Verlust hinweg.