Ich war mit einem Freund in einem Schnellrestaurant. Er setzte sich eine goldene Pappkrone auf, die ein Kind da vergessen hatte. Damit sah er aus wie eine Campingversion von Harald Glööckler. Vor mir stand ein Fischbrötchen mit Remoulade. „Wenn es in Amerika mal einen König geben sollte, würde er King Size heißen“, sagte ich. − „Kingking“, sagte das iPhone in meiner Tasche. − „Was wäre eigentlich, wenn Apple ein Staat wäre?“

Vision vom Apple-Staat

Ich fand den Gedanken interessant. − „Wie, Staat?“, sprach nun mein Freund, „Apple ist eine Firma.“ − „Staaten werden doch seit Jahren immer mehr ökonomisiert und privatisiert. Du musst dir mal die Dimensionen vergegenwärtigen. Griechenland braucht in den nächsten drei Jahren 86 Milliarden Euro. Um eine ganze Volkswirtschaft am Leben zu erhalten. Apple hat doppelt so viel Geld an Rücklagen. Sie könnten Griechenland zweimal kaufen.“ − „Aber warum sollte eine Firma einen Staat kaufen?“

„Wie wäre es damit: Griechenland kann seine Schuldenlast deutlich verringern und Apple darf dafür mit Steuervergünstigungen rechnen, so wie das bisher in Irland der Fall war. Das Europa-Hauptquartier von Apple wird nach Athen verlegt und durch die niedrigen Löhne eine boomende IT-Industrie in Gang gesetzt.“ Ich schaute mein Fischbrötchen an und das Fischbrötchen mich.

Der Freund schloss die Augen. Er hatte eine Vision. „Wäre Apple ein Staat, dann wäre das Schlangestehen auf Ämtern plötzlich hip. Wenn Apple Großflughäfen bauen würde, säßen vor dem Flughafen Berlin-Brandenburg schon seit Monaten Menschen auf Klappstühlen und würden von CNN-Reportern interviewt.“

Apple trifft immer mehr politische Entscheidungen

Während des Antitrust-Verfahrens gegen die Firma Microsoft in den 1990er-Jahren gab es eine wunderbar gefälschte Pressemeldung, derzufolge das Unternehmen einen unterirdischen Atomtest durchgeführt habe, um die Untersuchungskommission umzustimmen. Als China ein Jahrzehnt später von Google verlangte, seine Suchergebnisse zu zensieren, sahen viele das schon als diplomatischen Akt zwischen zwei Staatsgebilden und Google als eine Art Außenministerium des Internets. Bei Facebook hat man schon aufgehört mit Ländervergleichen. Mit knapp 1,4 Milliarden Bewohnern wäre das nun die größte Nation der Welt.

Apple trifft inzwischen nicht nur wirtschaftliche, sondern auch immer mehr politische Entscheidungen. Greenpeace lobt Apple für sein Engagement bei nachhaltigen Energien. Die Arbeitsbedingungen bei den chinesischen Zulieferern werden verbessert. Apple schützt die Privatsphäre mit konsequenter Verschlüsselung besser als der herkömmliche Staat. Privatsphäre ist ein Menschenrecht, sagt Firmenchef Tim Cook – „Wir sollten es nicht aufgeben.“

„Staatstragender geht’s doch kaum noch“, sagte ich. − Mein Freund legte die Krone weg und amüsierte sich stattdessen königlich. „Wie wollen wird den neuen Apple-Staat nennen?“ − „,Jobs‘ wäre natürlich schon aus wirtschaftlichen Gründen ein traumhafter Name für die neue Nation.“ − „Apple Country“, schwärmte ich. „Freiheit und Abenteuer, nikotinfrei.“ − „iLand.“ − „Das Land, in dem sie mit allem rechnen müssen.“

Sind Regierungen der Cyber-Kriegführung gewachsen?

„Der Staat wird künftig gar nicht mehr in der Lage sein, zugleich Sicherheit und digitale Bequemlichkeit zu bieten.“ Mein Freund konnte auch ernsthaft. „Bis Politiker begriffen haben, was Convenience bedeutet, sind wir alle tot. Logisch, dass es jemanden geben wird, der einem das bietet – ganzheitlich. So wie man heute sagt: Ich bin Deutscher oder Amerikaner wird man dann sagen: Ich bin aus Apple-Country. Oder aus der Googlewelt.“

Dann nahm ich das Fischbrötchen in Angriff. Einmal im Jahr esse ich sowas, um zu sehen, ob ich es endlich schaffe, ohne dass auf allen Seiten gleichzeitig Remoulade rauskommt. Eine Lebensbefähigungsprüfung. Ich ging in den Open-Sauce-Modus, biss zu, Remoulade tropfte auf meine Hose und hinterließ einen Fleck in der Form von Madagaskar.

Zu weitergehenden Angriffen oder gar Cyber-Kriegführung hat die New York Times die Frage aufgeworfen, ob Regierungen und ihre Bürokratien der Aufgabe überhaupt gewachsen seien: „Das Pentagon hat 81 Monate gebraucht, um ein bestelltes neues Computersystem zum Laufen zu kriegen. Das iPhone wurde in 24 Monaten entwickelt.“