Mit einigen Tränen, kostenloser Currywurst sowie viel völkerverbindender und kontaktpflegerischer Knuddelei ist der Eröffnungstag des Open Campus „Europe 14/14“ im Maxim-Gorki-Theater über sämtliche Bühnen gegangen. Das einwöchige Kulturprogramm begleitet die Friedenskonferenz „History Campus“, zu der 400 Jugendliche aus 40 Ländern eingeladen wurden, um sich über den Ersten Weltkrieg auszutauschen. Abgesehen von dem spöttischen Nummernprogramm auf der Hauptbühne „Hätte klappen können“, das mit fast schon nicht mehr zumutbarem Jubel und Szenenapplaus (gern auch uneingeschränkt begeistert nach „Wacht am Rhein“ oder „Heil dir im Siegerkranz“) bedacht wurde und ins Repertoire wandert, gibt es viele kleine intime Inszenierungen, die teilweise parallel und nur in den nächsten Tagen laufen. Hier kann es einem passieren, dass man ganz unmittelbar den unnachgiebigen Griff spürt, mit dem einen die Vergangenheit anfasst. Auf einmal macht sich die im Alltag verdrängte Verbundenheit mit den Toten bemerkbar, tröstlich und kummervoll zugleich − sogar komisch.

Eine Lampe und ein paar manipulierte Fotos braucht Michael Ronen für die lakonische Erzählung seiner Familiengeschichte, die durch den Holocaust fast ausgelöscht und bis in die jüngste Gegenwart immer wieder durch Kriege beschädigt wurde. Ronens jüdische Vorfahren stammen aus Galizien und haben im Ersten Weltkrieg für Habsburg kämpfen mussten. Ein großer Teil der Familie wurde später in den ukrainischen Wäldern erschossen. Ein Großvater, der sich nach Palästina retten konnte, wurde nach seiner Ankunft sofort nach der Stiefelgröße gefragt: Mobilmachung für Israels Unabhängigkeitskrieg (1948). Ronens Vater wurde durch den Sechstagekrieg (1967) und den Jom-Kippur-Krieg (1973) aus der Familie gerissen, und wie seine große Schwester, die Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen fünf Jahre vor ihm, musste Michael Ronen 2000 zum Wehrdienst. Da bestieg Ariel Sharon den Tempelberg, und die Zweite Intifada begann.

Hier erst lässt Ronen die heitere, sarkastische Stand-up-Stimmung kippen, zeigt unsentimental sein Innerstes her, seine Angst, seine seelische Verletzung − all das, worüber er in jener Zeit mit niemandem redete, das er in Briefen festhielt, die er an jemanden schickte, den es nicht gab, weil er seine Familie und seine Freundin von seinem Schmerz verschonen wollte. Er setzt sich hin und liest sie vor, und die Zuschauer sind bei ihm, bei seinen Vätern und Vorvätern. Und wohl auch bei den eigenen.

„The Rise Of Glory“

Der französische Theatermacher Mikaël Serre greift für „The Rise Of Glory“ ebenfalls auf die Familiengeschichte zurück: auf einen Vorfahren, der als Flieger im Ersten Weltkrieg fiel. Serre findet über ein historisch inspiriertes Smartphone-Spiel in die Vergangenheit und lädt die gedankenlose Fliegerei und Abschießerei in einer rührend ausgeklügelten Bild- und Klangcollage mit Originalbriefen, -fotos und -requisiten immer mehr auf − und steigert sich zu einem obskuren Trauervoodoo-Ritual. Stark, wie man zwischendurch auch hier als Publikum die Einsamkeit eines Soldaten fast körperlich zu spüren bekommt. Dann nämlich, wenn Serre seine im Internet ersteigerte Gasmaske aufsetzt, Nebel in den Raum strömt und auf der Leinwand per Doppelbelichtung und mit dumpfen Gluckersound das Schlachtfeld von Verdun zur Unterwasserwelt wird. Eben haben wir noch über den Ebay-Satz „Profitez de votre masque à gaz!“ gelacht − und schon bekommt man Atemnot.

Schade, dass Ruud Gielens für sein „Hätte klappen können“ diese Tiefe und Verbindung zur Vergangenheit gar nicht erst sucht. Das Programm ist ziemlich beliebig zusammengeschustert: Ein bisschen Hummtata-Nationalismus, Trauermusik, Expressionismus und kommunistische Morgenröte, dazu als Kontrastmittel wohlklingenden orientalischen Schmelz und russische Seele. Bis auf ein paar zufällige Kinkerlitzchen gibt es keinen szenischen Zugriff, keine Spannung zwischen den Klischee-Figuren. Aber wie gesagt, das Publikum war aus dem Häuschen − und der aufgekratzt-friedliebenden Feierstimmung zwischen den Aufführungen hat es auch nicht geschadet.

Open-Campus-Festival noch bis 11. Mai, Programm: 20221115 oder gorki.de