Im Mai 1980 wurde die Republik Freies Wendland ausgerufen.
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Nein, ich bin nie dort gewesen. Umso neidischer war ich, als meine damalige Freundin mir den Wendenpass zeigte, ein Ausweispapier der Freien Republik Wendland. Ich ließ mir das fiktive Hoheitssymbol nachträglich in meinen Personalausweis stempeln und machte ihn damit ungültig. Alles für den Widerstand. Denn dass der Staat mit seinen Endlagerplänen für den bis dahin verschlafen im niedersächsischen Zonenrandgebiet zur DDR gelegenen Landstrich falsch lag, galt für uns als ausgemacht. 

„Sieh DAN, rechts ran“, lautete ein gängiger Spruch über das Kennzeichen des Landkreises Lüchow-Dannenberg. Es war eine abschätzige Bemerkung über die mangelnden Fahrkünste der Provinzler. Die Bundesrepublik befand sich in der Phase eines kompetitiven Regionalismus. Mit der Anti-Kernkraft-Bewegung aber setzte eine beachtliche Aufwertung der Regionen ein. Wendland, Kaiserstuhl, Wilster Marsch – die Provinz wurde zum erweiterten Widerstandsgebiet.

An die Sache mit dem Wendenpass musste ich nicht erst denken, seit der Salzstock von Gorleben nach bald 40 Jahren politischem Ringen mit Hunderten von Demonstrationen, Zeltlagern etc. als mögliches Endlager für atomare Reste nun ausgeschieden ist. Klar, es war ein ironischer Akt der Staatsfeindschaft. Wir hatten wenig Verständnis für die Staatsmacht, die uns in Gestalt von Polizei-Hundertschaften immer wieder gegenüberstand. Einer meiner Freunde war Polizist und hatte sich für seine Berufswahl zu rechtfertigen. Später kündigte er.

Der Wendenpass war ein schönes Dokument, liebevoll im Kartoffeldruck-Verfahren gestaltet. Ich kann mich heute eines Schamgefühls nicht erwehren, wenn ich daran denke, dass wir uns damals ähnlich verhielten wie die heutigen Reichsbürger, die das Gewaltmonopol des Staates radikal ablehnen. Zugleich bin ich fasziniert von der Langsamkeit der demokratischen Prozesse.