Tapfer buhlen die Indie-Rocker von Meggie Brown um die Gunst der Tempodrom-Besucher. Die Frontfrau, eine zierliche, in Anzug gekleidete Sprungfeder, schleudert ihre Glieder von sich, was zum Marschier-Sound der Band passt, die schon mit Franz Ferdinand tourte. Doch die Berliner lassen sich bloß zu bravem Applaus bewegen, was Meggie Cousland zu einem semi-frustrierten Ausruf nötigt: „Es ist mein erstes Mal in Berlin, kommt schon!“

Jubel und Pfiffe

Die Anwesenden quittieren es mit Schweigen. Tough crowd ist die englische Bezeichnung für solche Unentflammbarkeit: ein schwieriger Haufen. Aber natürlich brennt die Hütte, als die Vorband sich verabschiedet und die Bühne bereitet ist für Gossip, die im Dunkeln auf ihren Einsatz warten. Jubel und Pfiffe, bis die funky Kuhglocke aus „Pop Goes the World“ einsetzt.

Das Eröffnungslied könnte nicht besser gewählt sein. Eigentlich gehen Beth Ditto, Nathan „Brace Paine“ Howdeshell und Hannah Blilie seit drei Jahren getrennte Wege. Um das zehnjährige Jubiläum ihres Albums „Music For Men“ zu feiern, haben sie sich wieder zusammengetan. Geprägt vom Sound der Riot-grrrl-Bewegung, machten sie damit 2009 einen Schritt weg vom Punk, um Ja zu den Konventionen der Pop-Industrie zu sagen.

Zwei Jahre in den Charts

Sie lernten, wie man in einem Studio arbeitet, eigneten sich musikalische Begriffe an, alles unter Anleitung von Rick Rubin, dem Popdruiden mit dem markanten Bart, der nicht nur für das massenkompatible Spätwerk von Johnny Cash, sondern auch für den Erfolg von Stars wie Jay-Z, Adele und Ed Sheeran verantwortlich zeichnet. „Music for Men“ war definitiv für die Tanzflächen gebaut. „Heavy Cross“ – das Lied mit dem unverkennbaren „ah-ah-ay, oh-oh-oh-yia-oh!“ – hielt sich   ganze zwei Jahre in den Charts.

Dem Vorwurf des Ausverkaufs hielt die Postpunkband Pragmatismus entgegen, Schlagzeugerin Blilie sagte einst: „Im Mainstream hat man mehr Einfluss.“ Das ist nicht ganz unwesentlich für eine Band, die ihren Durchbruch mit einem Lied gegen das Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen feierte und deren füllige Frontfrau als Aktivistin für queere Gleichberechtigung und fat acceptance gilt. Entsprechend selbstbewusst heißt es in „Pop Goes the World“: „Ein für alle Mal machen wir das, was natürlich daherkommt, wir gehen es lässig an und ohne Rechtfertigung.“

Beth Dittos kurze Kleider

Abbitte ist Beth Dittos Sache nie gewesen. Man feiert die inzwischen als Modedesignerin tätige  Sängerin, weil sie ungeachtet gängiger Schönheitsideale kurze Kleider trägt und auf Magazintiteln ihren Körper zeigt. Auch die ersten deutschen Worte, die sie im Tempodrom an die Fans richtet, kommen unverblümt daher: „Scheiße, ist das heiß hier oben!“ Frenetischer Applaus. Dann dreht sie sich  um, nach Handtüchern greifend. Ein neckischer Blick über die Schulter, bevor sie sich bückt: „Genießt die Aussicht!“ Das Publikum flippt aus.

Zwischen funkenstiebenden Songs, die alle von den Sitzen reißen, gibt Ditto nicht nur Anekdoten zum Besten – Hannah Blilie etwa hätte ihren Hintern dank geteilter Hotelzimmern schon aus jeglicher Perspektive gesehen –, sie macht auch auf eigensinnige Matrone. Sie witzelt, wie toll es sei, betrunken zu performen, sie echauffiert sich, dass all die guten amerikanischen Witze, die sie in Berlin mache, für die Katz seien. Überhaupt werde sie es entspannt angehen lassen, sie sei ja so faul und der Abend wie jeder andere. Auf Deutsch kommentiert sie den Jubel mit „jetzt ist aber gut!“ Tough Love wäre der Begriff für diesen genüsslich unverschämten Umgang mit ihren Fans, die genau für Dittos liebevolle Strenge gekommen sind: „Ich finde diese dicke Lesbe toll!“ schwärmt einer.

Schweiß oder Tränen

Die Jubiläumsparty ist da noch lange nicht vorbei. Gossip spielen die Hits all ihrer Alben, interpretieren ein Lied der R’n’B-Heldin Aaliyah, bis auch die soften Seiten der Beth Ditto durchscheinen. Singend macht sie sich an den Ventilatoren  zu schaffen, bis diese in Richtung Publikum pusten. Sie fischt gerührt ein Geschenk aus der Menge,  klatscht die Fans ab. Als  Zugabe singt sie George Michaels „Careless Whisper“. Als das Lied verklungen ist, wedelt sie mit ihrer Hand vor dem Gesicht. Es ist unklar, ob sich Ditto Luft zu- oder Tränen wegfächelt.