Die Vorsitzende des Ethikrates (Barbara Auer) spricht den Zuschauer direkt an und macht ihn so zum Mitglied des erlesenen Gremiums. Sie bittet um einen Rat, um der Regierung bei der Meinungsbildung in einer wichtigen Frage zu helfen: „Soll ein Mensch einen Anspruch darauf haben, dass ihm Ärzte dabei helfen, sein Leben zu beenden?“ Das Votum wird gleich anschließend in der Talkshow „Hart aber fair“ bei Frank Plasberg weiter verhandelt. Damit geht die TV-Fassung von „Gott“ medial weit über das Bühnenstück hinaus, das im September im Berliner Ensemble und im Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere hatte.

Solch eine Abstimmung nach einer Vorlage von Ferdinand von Schirach hatte die ARD schon vor vier Jahren mit dem Stück „Terror“ abgehalten. Damals durften die Zuschauer Schöffen spielen und die Tat eines Luftwaffenoffiziers beurteilen, der ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschoss, um einen Angriff auf ein voll besetztes Fußballstadion zu verhindern. 87 Prozent „sprachen“ ihn frei. Viele Kritiker lobten das innovative interaktive Format, Juristen aber liefen Sturm gegen die Anmaßung.

„Gott“ spielt zwar nicht in einem Gerichtssaal, sondern in der Berliner „Wissenschaftsbibliothek“, ähnelt in seinem Ablauf aber mehr einer Verhandlung als einer Tagung des Ethikrates. Das Problem ist weitaus alltagsnäher als der Konflikt in „Terror“. Vorgetragen wird der Fall eines 78-Jährigen (Matthias Habich), der nach dem qualvollen Tod seiner Frau keine Lebensfreude mehr verspürt und so ordentlich und selbstbestimmt sterben will wie er gelebt hat. Doch seine Hausärztin (Anna Maria Mühe) verweigert ihm das tödliche Medikament.

Die Inszenierung von Lars Kraume, der schon bei „Terror“ Regie geführt hatte, spielt die Vorteile des Films gegenüber der Bühnenfassung aus. Er rückt seine starke Schauspielerriege in Nahaufnahmen ins Bild, sorgt für eine konzentrierte Atmosphäre. Lars Eidinger, schon bei „Terror“ als Anwalt zu erleben, verteidigt eloquent bis arrogant und mit vielen markanten Zitaten den Wunsch seines Mandanten: Hier scheint Ferdinand von Schirach selbst zu sprechen. Christiane Paul erläutert als juristische Sachverständige den aktuellen Stand der Gesetzgebung. Götz Schubert als Vertreter der Bundesärztekammer und Ulrich Matthes als katholischer Bischof plädieren rhetorisch geschliffen gegen die Sterbehilfe, verweisen auf den Eid von Hippokrates oder die Verdikte von Thomas von Aquin und verdammen den Selbstmord als Egoismus. Etwas unklar bleibt die Rolle von Ina Weisse, die als Mitglied des Ethikrates schon eine feste Position hat, vehement gegen die ärztliche Sterbehilfe argumentiert und auf die Euthanasie der Nationalsozialisten verweist.

Auch wenn dieses Drama eine Anmaßung bleibt und die Erfolgs-Methode Ferdinands von Schirach darin zu bestehen scheint, dass er Kategorien wie Moral und Recht sowie die Orte, Rahmen und die Rolle der Gremien bewusst miteinander vermischt, so funktioniert „Gott“ doch sehr viel besser als das ebenfalls als Verhandlung angelegte ARD-Stück „Ökozid“ vor wenigen Tagen und regt tatsächlich zum Diskutieren an. Dies ist auch das erklärte Ziel der ARD. Keinesfalls solle die TV-Fassung von „Gott“ als ein medial inszeniertes Plebiszit über ein sensibles Thema missverstanden werden, betonen ARD-Programmdirektor Volker Herres und seine designierte Nachfolgerin Christine Strobl. Politisch relevant bleibt „Gott“ allemal: Die Bundesregierung verweigert ja bislang die vom Bundesverfassungsgericht verlangte Neufassung der Gesetze.

Gott nach Ferdinand von Schirach – Mo, 23.11., 20.15 Uhr, ARD; „Hart aber fair“ folgt um 21.45 Uhr.