George MacKay als Soldat Schofield in einer Szene des Kinofilms "1917" (undatierte Filmszene). Das Kriegsdrama triumphierte bei der Verleihung der Golden Globe Awards und gewann in der wichtigsten Sparte «Bestes Drama» und als bester Regisseur.
Universal

Los AngelesLance Corporal Schofield (George MacKay) und Lance Corporal Blake (Dean-Charles Chapman) stehen kurz davor, die Stufen zu erklimmen, die den Schützengraben vom tödlichen Niemandsland trennen. Ein vom Krieg gezeichneter Leutnant segnet sie noch mit dem Weihwasser seines Flachmanns, dann breitet sich vor ihnen das mit Stacheldraht, Granattrichtern, Pferdekadavern und menschlichen Überresten übersäte Schlachtfeld der Westfront aus. 

Es ist das Antlitz eines Kriegs, der mit europaweiter Begeisterung begann und sich schnell als ein von nationalistischem Wahnsinn angetriebenes und von moderner Kriegstechnologie ausgeführtes Gemetzel manifestierte. Um ein weiteres von vielen Blutbädern abzuwenden, brechen Schofield und Blake mit dem Befehl eines britischen Generals in der Tasche auf. Ihre Mission soll einen Offensive verhindern, die in einen Hinterhalt der deutschen Armee zu geraten droht. Der Regisseur Sam Mendes („American Beauty“, „Jarhead“, Skyfall“) zeichnet den Weg beider Soldaten, der durch die Gräben bis tief in die französische Landschaft führt, ohne einen sichtbaren Schnitt nach. In einer einzigen, tatsächlich aber aus mehreren Einstellungen zusammengesetzten Sequenz, hetzen die Soldaten durch das, was nach drei Jahren Grabenkrieg vom Land übrig geblieben ist: Zerbombte Wälder, ruinierte Städte, verwaiste Bauernhöfe. Die Sichtweise wahrt die räumliche und zeitliche Kontinuität der Mission.

Keine Atempause

Ein Effekt, der eine permanente Authentizität vorgibt und zugleich dafür sorgt, dass es keine Atempause gibt, um das Ausmaß der Zerstörung zu erfassen. Kaum haben Schofield und Blake einen leeren Graben der deutschen Armee betreten, detoniert eine Mine, um sie zu begraben. Kaum sind sie auf einem verlassenen Hof angekommen, stürzt ein deutsches Jagdflugzeug direkt vor ihrer Nase in eine Scheune. Einzig eine Szene, in der ein Transportlaster im Schlamm stecken bleibt, unterbricht für wenige Augenblicke das unaufhörliche Spektakel, das Mendes und sein Kameramann Roger Deakins mit erstaunlicher Virtuosität auf die Leinwand bringen. Es ist eine der schönsten Szenen des Films: Ein symbolischer und zugleich menschlicher Moment, in dem sich bis dahin fremde Soldaten gemeinsam mit den Protagonisten gegen das Fahrzeug stemmen, das sie an die Front und damit höchstwahrscheinlich in den Tod führen wird. Ein trügerisches Bild, denn die Kriegsmaschinerie soll dabei freilich nicht angehalten, sondern beschleunigt und aus dem tödlichen Stillstand gezogen werden, der in drei Kriegsjahren Millionen Menschen getötet, verstümmelt und zerschmettert hat.

Wie im Computerspiel

Die unsichtbar und nahtlos ineinander übergehenden Sequenzen formen die Realität der Westfront zu einem fiebrigen Tagtraum. Keines der Terrains, durch die beide Soldaten hetzen, scheint tatsächlich an das nächste anzuschließen. Die Gräben, die endlosen Front- und Waldlandschaften und die Ruinen der französischen Kleinstädte wirken nicht wie historische Orte, sondern wie die Pixel eines Computerspiels, die sich nur dann manifestieren, wenn sie in das Sichtfeld des Spielers geraten. Eine Perspektive, die den Krieg als eine Welt ohne Horizont beschreibt. Es ist einer der wenigen bleibenden Eindrücke dieser so unmittelbaren Ästhetik des Films, die über weite Strecken mehr einer Geisterbahnfahrt durch die Westfront ähnelt. Die fabrizierte Kontinuität von Zeit und Raum erzeugt eine nie abklingende Spannung.

OffiziellerTrailer zu „1917“

Youtube

Doch die Atemlosigkeit, die ständige Bewegung und die daraus resultierende Dynamik bilden letztlich eine Erfahrung ab, die dem Stellungskrieg, von dem Mendes hier erzählt, nicht gerecht wird. Nie lässt der Film genug Leerstellen, um dem Zuschauer einen Blick auf die tödliche Pattsituation der Westfront zu ermöglichen. Statt der unerträglichen Routine des Stellungskriegs, des ängstlichen Wartens auf den nächsten Angriff, statt des Terrors der Artillerie, statt eines dauerhaften Extremzustandes, der Tausende Soldaten zu Kriegszitterern machte, sucht „1917“ allein den Adrenalinkick der unmittelbaren Todesgefahr. Grabenkrieg und live dabei. Die Bilder dazu sind beeindruckend. Nicht weniger beeindruckend als die Worte, mit denen Ernst Jünger seine Fronterfahrung beschrieb. Eine Szene, in der Schofield die Ruinen einer Stadt durchquert, während der Himmel buchstäblich in Flammen steht, scheint das, was Jünger Stahlgewitter nannte, direkt auf die Leinwand zu zeichnen.

Universal
1917

USA 2019. Regie: Sam Mendes. Buch: Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns; Darsteller: George MacKay, Dean-Charles Chapman, Colin Firth u.a., 119 Minuten, Farbe. FSK: ab 12

Es sind Eindrücke die vom gleichen Pathos strotzen, die gleiche Faszination für das Abenteuer Krieg vermitteln, das auch Jüngers Buch beschreibt. „1917“ hat dabei zwar keinerlei nationalistische Agenda und der für das Heldentum stehende Orden wird schnell als der wertlose Blechanhänger entlarvt, der er eigentlich ist. Doch die Dynamik der brillanten Kameraführung und des nicht weniger beeindruckenden Sounddesigns lenken schnell davon ab, dass die Front ein Fleischwolf ist, der alle Beteiligten verschlingt. Als Schofield ein letztes Mal den Graben verlässt, läuft er nicht wie seine Kameraden diesem Totmacher entgegen, sondern rennt parallel zum Schlachtfeld, um das Ziel seiner Mission zu erreichen. Ein Weg, der ihn der gleichen Gefahr aussetzt, aber eben doch an der tödlichen Lotterie der Westfront vorbei führt.