Grandiose Miniserie „Neuland“ im ZDF: Schlachtfeld Elternabend 

Wenn die Kinderlein sich streiten, zerfleischen sich die Eltern. „Neuland“ zerlegt die heile Hamburger Vorortidylle.

Nach Sarahs (Mina Tander, l.) kritischem Artikel begegnen ihr die Mütter Vera(Jamie Watson, 2.v.r.) und Maren (Henrike Fehrs, r.) an der Schule ihrer Tochter Greta (Emilia Kowalski, 2.v.r.) mit Ablehnung.
Nach Sarahs (Mina Tander, l.) kritischem Artikel begegnen ihr die Mütter Vera(Jamie Watson, 2.v.r.) und Maren (Henrike Fehrs, r.) an der Schule ihrer Tochter Greta (Emilia Kowalski, 2.v.r.) mit Ablehnung.ZDF/Georges Pauly

Eines Morgens entdecken die Schwestern Lea (Lene Oderich) und Zoe (Aennie Lade), dass ihre Mutter verschwunden ist. Freundinnen der Mutter kümmern sich rührend um die beiden Mädchen. Marie (Peri Baumeister) und ihr Mann Hauke (Godehard Giese) nehmen sie in ihr Haus auf, ihr Sohn geht in die Klasse von Zoe. Erst als die Verschwundene auch nach zwei Wochen nicht aufgetaucht ist, kehrt deren Schwester in ihr Heimatstädtchen zurück: Karen (Franziska Hartmann) ist Chefin einer Feldjägerkompanie der Bundeswehr, kommt gerade vom Einsatz in Mali, trägt noch Wüstenuniform mit Barett und tut sich schwer, einen Draht zu ihren beiden Nichten zu finden. Obwohl der ZDF-Sechsteiler von einem möglichen Verbrechen ausgeht, ist „Neuland“ keine Krimiserie, Polizisten kommen hier nur am Rande vor. Es ist sogar irritierend, wie schnell alle in ihren Alltag zurückfinden und das Verschwinden verdrängen.

Die Familien in dem fiktiven Hamburger Vorort Sünnfleth wohnen auf großzügigen Anwesen und kutschieren die Kinder in SUVs und Minivans zur Schule. Am Steuer sitzen meist die Mütter, die viel Energie in den Nachwuchs stecken: Architektin Marie arbeitet nur noch abends, Sarah (Mina Tander) ist als Star-Reporterin ausgestiegen und betreibt ein Online-Mode-Journal. Anke (Anneke Kim Sarnau) dagegen ist Chefin eines Hamburger Verlags und beschäftigt eine Bedienstete in der Villa. Bundeswehr-Majorin Karen arbeitet sich als Fremde mühsam in das Netzwerk der Mütter hinein – für sie ist es „Neuland“.

Wer hat die kleine Lea gewürgt?

Eine ähnliche Konstellation präsentierte das ZDF schon im Mai in der Serie „Wendehammer“. Auch hier hatten sich Freundinnen in einer scheinbar heilen Vorstadtwelt verbündet, teilten ein „dunkles Geheimnis“, bis eine Fremde hinzustieß. Doch während die Heldinnen in „Wendehammer“ immer netter und sympathischer wurden, entwickeln sich die Frauen in „Neuland“ in die andere Richtung: Marie, Sarah, Anke und Co. kommen mit jeder Folge abgründiger und hinterhältiger daher. Soldatin Karen wiederum kennt Hinterhalte nur vom Kampfeinsatz. Das ist schauspielerisch sehr viel reizvoller: Allein wie sich Anneke Kim Sarnau und Mina Tander stets lächelnd unbarmherzig duellieren, das macht gehörig Spaß.

Die Spannungen zwischen den Frauen entladen sich im Umgang mit den Kindern. Karen vergreift sich am syrischen Jungen Rami, der sich auf dem Schulhof mit Ankes Sohn prügelt und bei ihr Erinnerungen an Afghanistan triggert. Dann entdeckt ihre Nichte Lea Würgemale am Hals ihrer kleinen Schwester Zoe, die aber nicht verraten will, wer sie so verletzt hat. Doch bald kommt heraus, dass sie Opfer eines brutalen Schulhof-Spiels wurde, das mit dem Handy gefilmt wurde und verbreitet wird. Auf einer Elternversammlung wollen Sarah und Marie die Übergriffe diskutieren – doch Verlegerin Anke, deren Sohn Zoe gewürgt hatte, hat eine Gegenfront organisiert. Kinofilme wie Roman Polanskis „Der Gott des Gemetzels“ oder Sönke Wortmanns „Frau Müller muss weg!“ haben schon gezeigt, wie bitterkomisch solche Elternkämpfe sein können – so auch hier. 

Spenden nach Afghanistan, Abgrenzung zu Hause

Autor Orkun Ertener, der als Creative Producer die gesamte Produktion begleitet hat, zerlegt in seinem Sechsteiler eine Wohlstandsgesellschaft. Nach außen wird Solidarität beschworen, eigentlich aber das Eigene mit aller Härte verteidigt. „Wir schaffen das!“, trichtert Hauke seiner Frau Marie ein – doch das Merkel-Motto wird hier als Abwehr der anderen verstanden. Orkun Ertener und Regisseur Jens Wischnewski breiten ein Tableau von einem Dutzend Figuren aus, die allesamt interessant sind und ihre ganz eigenen besonderen Momente bekommen. „Neuland“ ist eine wirkliche Ensembleleistung. Folge für Folge werden die geheimen Verbindungen des Sünnflether Netzes deutlicher, Seitensprünge und geheime Verhältnisse inklusive. Anders als in der ZDF-Serie „Wendehammer“, wo die Männer entweder Trottel oder Lover waren, werden ihnen in „Neuland“ deutlich mehr Facetten zugebilligt. So verzweifelt Godehard Gieses Figur des Hauke immer mehr daran, dass sein Sohn nicht so funktioniert, wie er es gern hätte.

Eine Art Kommentator von außen ist der Mann vom Jugendamt (Serkan Kaya), der einerseits weiß, wie bösartig Kinder sein können, der aber die Verantwortung in der Heuchelei der saturierten Eltern sieht: „Sie spenden großzügig für die Seenotrettung im Mittelmeer, sie packen Riesenpäckchen mit Teddybären und vergammeltem Spielzeug. Aber neben ihrem eigenen Kind, da soll einer wie Rami nicht sitzen!“ Als „Gesellschaftsdrama“ sieht Autor Ertener seine Serie völlig zu Recht und betont in seinem Statement: „Das eigentliche Neuland, das wir alle betreten müssen, liegt noch vor uns.“

Leider traute sich das ZDF mal wieder nicht, eine etwas komplexere Serie dem Publikum um 20.15 Uhr zuzumuten und zeigt den Sechsteiler in zwei Blöcken zu späterer Stunde. Auf jeden Fall ist „Neuland“ so spannend, der Ausgang so offen, dass die Serie nach einer zweiten Staffel ruft.

Neuland. Di./Mi. 27./28.12. jeweils drei Folgen um 22.15 Uhr im ZDF, alle sechs Folgen im Netz