London - Als stolzer Aragorn aus „Der Herr der Ringe“ lieben ihnen Millionen, aber auf Heldenrollen wollte sich Viggo Mortensen nach dem ruhmreichen Erfolg dennoch nicht festlegen lassen. Im Gegenteil: Der New Yorker mit dänischer Abstammung spielte anschließend Gangster („Tödliche versprechen – Eastern Promises“), Mörder („Die zwei Gesichter des Januars“) und Sigmund Freud („Eine dunkle Begierde“) als streitbaren Zeitgenossen. Nicht gerade sympathisch wird Mortensen auch in seinem neuen Film „Green Book“ eingeführt.

Als Italo-Amerikaner Tony Lip nimmt er nur widerwillig den Job an, Anfang der Sechzigerjahre den schwarzen Musiker Don Shirley (Mahershala Ali) auf Konzertreise bis in den Süden der USA zu chauffieren. Langsam überwindet er aber seine rassistische Neigung – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Der Autor traf Viggo Mortensen in London.

Mr. Mortensen, Sie sehen wieder topfit aus. Wie haben Sie all diese Pfunde für Ihre Rolle in „Green Book“ wieder verloren?

Sicherlich war es härter, die Pfunde loszuwerden als sie raufzukriegen – und es machte weniger Spaß (lacht). Man sieht mich im Film ja ständig essen und ich habe mir dieses Zeug tatsächlich reingestopft. Wenn wieder einmal ein solcher Drehtag anstand, habe ich morgens auf jeden Fall das Frühstück ausfallen lassen, weil ich wusste, ich muss die ganze Zeit Hotdogs und Chicken futtern.

Warum haben Sie sich das überhaupt angetan?

Ich wollte keinen stereotypischen Italo-Amerikaner abgeben, sondern der Figur Authentizität verleihen. Eben als echten Typen, der Familie hat, sich aber intellektuell gegenüber anderen unterlegen und unsicher fühlt. So wie er spricht und sich verhält sollte er echt wirken und nicht wie eine Witzfigur.

Obwohl es im Film aber auch viel zu lachen gibt...

Als ich das Drehbuch las, gab es nichts, was mich zum Lachen gebracht hat. Deshalb habe ich gar nicht erst versucht, witzig sein zu wollen. Nein, was ich im Film sage ist ernsthaft gemeint. Die Komik entsteht durch die Gegensätzlichkeit der beiden Figuren. Sie reagieren aufeinander, auf das, was der jeweils andere sagt oder macht.

Stimmt es, dass Sie die Figur des Tony Lip an Ihren eigenen Vater erinnert hat?

Manchmal schon, und zwar in der Weise wie er seine Geschichten erzählt. Mein Vater war genauso wie Tony ein Patriarch, der anderen gern etwas vom Pferd erzählte. Wenn ich ihn fragte, woher er denn die Tickets für das große Baseballspiel herhat, machte er ein Geheimnis daraus, indem er antwortete: „Frag“ lieber nicht!“ Familiengeschichten erzählte er ebenso gern. Ich habe sie bestimmt 100 Mal gehört und bekam daher mit, wie er sie wirklich gekonnt immer schöner ausschmückte. Irgendwann hatten sie kaum noch etwas mit den Originalgeschichten vor 40 Jahren zu tun.

„Green Book“ basiert auf einer wahren Geschichte über Rassismus in den USA der in manchen Gegenden gerade wieder aufblüht...

Tatsächlich ist das wieder ein Problem, dass schon so lange existiert wie es Menschen gibt. Tribalismus: “Was ich nicht kenne, ängstigt mich und manchmal töte ich es. Mit Sicherheit traue ich dem Fremden aber nicht.“ Jede Generation muss sich mit dieser Problematik auseinandersetzen und daraus lernen. Oft ist es aber allein die pure Ignoranz gegenüber anderen Menschen, Kulturen und Lebensweisen, die Misstrauen, Misogynie, Arroganz und Rassismus auslöst.

Sie äußern sich generell gern zu gesellschaftspolitischen Themen. Hat Ihnen das schon mal Probleme eingebracht?

Gewiss gibt es Leute, die das nicht mögen. Aber dafür kann ich nichts. Ich bin jemand, der sich seine Informationen aus verschiedenen Medien holt, um die Dinge nicht nur aus einem Blickwinkel zu betrachten. Wenn ich also zu einem Thema gefragt werde, versuche ich ernsthaft darauf zu antworten. Das sehe ich sogar als Notwendigkeit – nicht weil ich ein bekannter Schauspieler bin, sondern weil ich Bürger meines Landes bin. Ich äußere meine Meinung, auch wenn nicht jeder zustimmt. Ich kann auch nicht erwarten, dass jeder meine Filme mag. Jedenfalls will ich mir keine Gedanken darüber machen wollen, ob ich mit dem was ich sage oder mache Fans oder Filmemacher vergraule. Bestimmt passiert das, aber es ist mir egal.

Die meisten Fans werden Sie dafür wohl eher lieben. Ihre erste Kinorolle hatten Sie 1985 in „Der einzige Zeuge“, aber erst durch „Der Herr der Ringe“ sind Sie zum Star geworden. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Wenn du erst mal in diesem Business bist muss du lernen dich selbst promoten zu können. Mir ist das schon immer schwergefallen, auf Filmpartys erscheinen zu müssen, möglichst viel vor der Presse zu treten und am besten noch in Werbespots aufzutreten um an Kaffee oder Whiskey zu schlürfen. Ehrlich gesagt, will ich das auch gar nicht.

Gehen Ihnen dadurch nicht viele attraktive Filmangebote durch die Lappen?

In Letzter Zeit stand ich tatsächlich weniger vor der Kamera. Der Hauptgrund dafür waren meine Eltern, die lange Zeit mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatten. Ich verbrachte viel Zeit mit ihnen und kümmerte mich um sie. Trotzdem habe ich viel gearbeitet, weil ich einen eigenen Verlag habe. Außerdem bin ich noch Fotograf und schreibe gerade selbst viel.

Woran schreiben Sie?

Drehbücher! Seit einigen Jahren sitze ich gleich an mehreren Skripts. Das sind sehr persönliche Familiengeschichten. Ich habe lange davon geträumt, selbst Regie zu führen und wie aussieht, wird es jetzt passieren („Falling“ steht kurz vor Drehbeginn mit Mortensen als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller, Anm. d. Red.).

Warum ist Ihnen dieser Schritt in die Regie so wichtig?

Mir macht es immer noch große Freude, mir Filme anzusehen und von anderen Darstellern sowie großartigen Geschichten inspiriert zu werden. Das ist überhaupt der Grund, warum ich damit vor über 30 Jahren angefangen habe. Denn ich sehe mich selbst als Geschichtenerzähler. Außerdem wird man nicht jünger.

Sie sind letztes Jahr 60 geworden...

Deshalb stürze ich mich jetzt auf die Regie in der Hoffnung, dass ich damit ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen werde.

Heißt das, Sie wollen sich von der Schauspielerei zurückziehen?

Nicht zwangsläufig, in mir brennt immer noch viel Enthusiasmus dafür. Aber auch hier ist mir wichtig, mich in meinen Rollen nicht allzu oft zu wiederholen. Am liebsten wäre mir mit jeder Rolle in ein neues Gebiet vorzustoßen um daraus selbst etwas für mich zu lernen. Natürlich fordere ich mich damit immer wieder heraus, was mir oft auch Angst macht.

Das müssen Sie bitte erklären...

Das passiert meistens, wenn ich zwar das Drehbuch sehr mag, aber der Ansicht bin für die Rolle womöglich nicht die richtige Wahl zu sein. So dachte ich auch über „Green Brook“. Regisseur Peter Farrelly musste mich erst überzeugen, dass ich durchaus einen Italo-Amerikaner spielen könnte.

Verschwindet damit auch die Angst, versagen zu können?

Normalerweise gerate ich dennoch in eine Phase, in der ich denke, jetzt hast du einen großen Fehler gemacht. Im Laufe der Zeit ist es besser geworden, mir darüber nicht mehr so viel den Kopf zu zerbrechen, einfach aus der Erfahrung heraus. Denn ich habe schon etliche solcher Momente überstanden. Wenn mich also Panik überfällt, frage ich mich, wie ich ihr entgegenwirken kann. Das Beste ist meistens, sich in die Arbeit zu stürzen. Denn ich weiß ja, dass ich da durchkomme, aber die Angst ist dennoch da.