Googelt man Gregory Porter, vervollständigt die Suchmaschine ungefragt: „Gregory Porter Mütze“. Zwar liegt dieser Vorschlag noch hinter „Gregory Porter Liquid Spirit“ − so heißt sein drittes Album von 2013, das ihm den Durchbruch, und 2014 den Grammy fürs beste Vocal Jazz Album brachte. Aber gleich danach kommt bezeichnenderweise die Kopfbekleidung. Warum nur trägt dieser Mann eine Ballonmütze mit Strickschlauch um Wangen- und Kinnpartie? Eine Frage, die viele umtreibt. Die Antwort: Gregory Porter mag dieses eigenwillige − und sicher auch warme! − Modeaccessoire einfach. Das ist Begründung genug.

Beschäftigen wir uns lieber mit dem Album, das auch Grundlage für seinen charmanten Auftritt am Mittwochabend in der Zitadelle bildete. Es war das erste Konzert seiner aktuellen Deutschlandtournee. Wobei man vielmehr von „ihrem“ Auftritt sprechen muss. Denn der 43-jährige US-Jazzmusiker, der seit geraumer Zeit Fans aus allerlei Genres fasziniert, kam mitnichten allein. Rund 60 Musiker des niederländischen Metropole Orchestra, bestehend aus einer Big Band und einer vollständigen Streicherformation reisten mit in die Hauptstadt und drängten sich vor den vollen Reihen im Innenraum der Festung in Spandau. Eine perfektere Kulisse im Lichte der untergehenden Sonne, umgeben von Bäumen und vor dem roten Gemäuer der Burg ist schwer vorstellbar. Zum dritten Mal durften Fans diese grandiose Kombi „Porter-Metropole“ in Deutschland erleben.

Hier wird nicht gekreischt

Es handelte sich übrigens um Stuhlreihen vor dem die Künstler spielten. Denn das Publikum kreischt hier nicht, sondern groovt, wippt, kuschelt und guckt verliebt. Denn ja, böse Zungen könnten behaupten, es sei mainstreamiger Kuscheljazz, den Porter da zelebriert. Doch das wäre ein bisschen einseitig. Es ist nun mal seine samtweiche Bariton-Bluesstimme, die einem kurz das Atmen vergessen lässt und die ihn sicher für ein breiteres Publikum zugänglicher macht als so mach anderer Jazzmusiker. Dazu muss Porter gar nicht mal singen, auch seine Ansagen sind butterzart. „There’s is a spirit in the house. Peace, love, joy and good music. And beer“, sagt er da, und man möchte dieser Stimme einfach immer weiter zu hören. Er selbst trank jedoch nur Wasser.

Es kommt aber noch mehr hinzu: diese musikalische Collage, die seine meist selbst geschriebenen und getexteten Songs auszeichnen. Es klingen Porters Jahre in dunklen Jazzbars im kalifornischen San Diego hindurch, es ist Pop dabei, und gewaltig viel Soul und Funk, auch R’n’B und eben viele Bläser und Streicher, die die Klänge des Konzerts zeitweilig ins Filmmusikartige schieben.

Dieser Rahmen gab Songs wie „No love dying“ oder „Be Good“ vom zweiten gleichnamigen Album von 2012 eine ganz neue Richtung: Komplexer und sphärischer. Und manchmal spielte Porter fast nur eine Nebenrolle auf seinem eigenen Konzert, während Big Band und Streicher die Führung in dieser lauen Sommernacht übernahmen.

Beeinflusst von Nat King Cole und John Coltraine

Porter wuchs im kalifornischen Bakersfield auf. Sein Stil wurde beeinflusst durch seine Mutter, die ihn allein groß zog, zu Hause Platten von Nat King Cole und John Coltraine auflegte und ihn und seine Geschwister mit in den Gospel-Chor der Kirche nahm. Heute lebt Porter in New York. Bis vor fünf Jahren war er nahezu unbekannt, selbst unter Jazzexperten. Sein Debütalbum „Water“ wurde dann ohne Umwege für den Grammy nominiert. Seitdem ist er im Gespräch – und im Ohr geblieben.

2014 erhielt Porter zudem den deutschen Musikpreis „Echo Jazz“ in der Kategorie internationaler Sänger. Porter zieht vielerlei Menschen an und so sind es auch am Mittwochabend nicht die typischen „Jazzer“, die man in den Berliner Jazzbars findet: Da ist der Hipster mit den grünen Haaren und dem langen Ohrring, dort die tanzende Tochter eines Endvierzigers, der Grillwurst bringt, oder das junge Paar, das ausschaut, als ob es nach Konzertschluss auf Trekkingreise in den Himalaya reist.

Sanfter Riese

Unaufgeregt, gemütlich und elegant wirkt der stämmige 190-Zentimeter-Mann in grauem Jackett und schwarzem Hemd an diesem Abend in Berlin. Oft wird er als „sanfter Riese“ bezeichnet. Jetzt weiß man, warum. Dass er einst eine Football-Karriere anvisierte, kann man sich in diesen Momenten kaum vorstellen. Eine Schulterverletzung brachte ihn endgültig zum Jazz und vom Sport weg. Porters Bewegungen sind rar. Nur seine Hände, ja, die folgen manchmal unsichtbaren Wellen. Es müssen wohl Töne sein, die er da versucht zu streicheln. Dann wieder schüttelt er die Finger im Takt. So schnell, als seien sie Propeller, als wolle er dem Dirigenten helfen, seine Bläser und Streicher zu motivieren. Dann wieder greift er sein Mikrofon so sanft mit drei Fingern, als habe er Sorge, es zu zerbrechen, lehnt sich zurück und lässt seine Töne gen Spandauer Abendhimmel entschweben.

Nach anderthalb Stunden vorbei

Schade nur, dass dieses brillante Konzert nach nur rund anderthalb Stunden und lediglich einer Zugabe zu Ende ging. Auch das stete Applaudieren und die Freudenpfiffe halfen nichts. Schmerzlich vermisst wurde natürlich der Song „Hey Laura“, übrigens auch unter den Top fünf der Google-Treffer. Gregory Porter ließ sich bitten, kam aber nicht wieder auf die Bühne. Die Pfiffe mündeten in einigen Buh-Rufen und hinterließen am Ende des Konzertes einen bitteren Nachgeschmack. Da half auch der Dauerloop aus den Boxen „Bitte beachten Sie, dass der Ausgang durch Sicherheitsschleusen geregelt wird. Wir wünschen einen schönen Abend“, ganz sicher nicht weiter.

Schön war es trotzdem. Und gehen soll man ja bekanntlich eh immer, wenn es am schönsten ist.