Greta Thunberg protestiert mit„Fridays for Future“-Aktivisten am 4. September in Stockholm, Schweden.
Foto: imago images/Fredrik Sandberg

Berlin/MainzMonatelang musste die Klimabewegung Fridays for Future wegen der Corona-Pandemie pausieren. Diesen Freitag gehen die Aktivistinnen und Aktivisten deutschlandweit mit über 300 Aktionen wieder auf die Straße. Die Berliner Zeitung berichtet in den kommenden Wochen über die Proteste und reflektiert aus unterschiedlichen Perspektiven den Status quo der Klimadebatte. Den Startschuss macht dieses Gespräch mit Clemens Traub, einem ehemaligen „Fridays for Future“-Aktivisten, der sich mit der Bewegung kritisch auseinandersetzt. Wir erreichen den 23-Jährigen in Mainz am Telefon.

Berliner Zeitung: Herr Traub, Sie waren mal bei Fridays for Future aktiv. Jetzt haben Sie eine Kritik in Buchform veröffentlicht, eine Streitschrift. Kurz zu den Anfängen: Was hat Sie an der Bewegung begeistert?

Clemens Traub: Der Klimaschutz ist ein Herzensthema von mir. Ich bin 23 Jahre alt und Politikstudent. Ich sehe den Klimawandel wie viele meiner Altersgenossen: Meine Generation wird ihn hautnah miterleben. Wir steuern auf eine unerträgliche Wirklichkeit zu, die meine Generation irgendwann mit aller Härte zu spüren bekommt. Als ich von Fridays for Future erfahren habe, auf Social Media, in den Nachrichten, in den Medien, war ich begeistert vom Kampfgeist und der Unerschrockenheit der Bewegung. So bin ich zu den ersten Demonstrationen gegangen.

Wie lange haben Sie mitgemacht?

So circa zwei bis drei Monate.

Und was ist dann passiert?

Dann kam der Bruch. Dafür gab es zwei Gründe. Erstens: Ich hatte den Eindruck, dass die Bewegung stark polarisiert. Es ist schwierig, in den Klimagruppen Diskussionen zu führen, wenn man eine differenzierte Meinung hat. Die Aktivisten teilen die Menschen in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse auf. Grautöne werden kaum mehr wahrgenommen. Ich glaube, diese Entwicklung ist gefährlich. Sie spaltet unsere Gesellschaft.

Wer gilt denn als „böse“?

Für Fridays for Future sind Fragen des Lebensstils besonders relevant. Also welche Autos die Menschen fahren, welche Lebensmittel sie konsumieren, wie sie reisen. Das sind alles richtige Kritikpunkte. Aber viele Leute fühlen sich dadurch vor den Kopf gestoßen.

Clemens Traub engagiert sich fürs Klima, trotzdem möchte er, dass die arbeitende Mittelklasse mit ihren Sorgen ernster genommen wird.
Foto: privat.

Viele Aktivistinnen und Aktivisten sehen die bedrohlichen Prognosen und gehen davon aus, dass der Klimawandel sich nur mit einem radikalen Konsumstopp aufhalten lässt.

Das stimmt wohl. Aber schauen Sie mal: Ich komme aus einem pfälzischen Dorf. Wir haben 2000 Einwohner. Ich habe ganz häufig bemerkt, dass das, was im Universitätskontext als Klimakritik artikuliert wird, in meinem Dorf auf Unverständnis stößt. Die Menschen auf dem Dorf haben das Gefühl, dass Fridays for Future sie durch Verbote bevormundet und in ihren Sorgen nicht ernst nimmt. Die Menschen auf dem Dorf haben auch Angst um ihr Geld. Außerdem kommt man ohne ein Auto in der Provinz nicht weit. Das interessiert die „Fridays for Future“-Leute nicht. Die Klimabewegung ist bürgerlich und privilegiert, sie versteht die Lebenswirklichkeit der Geringverdiener oder Kleinstadt- und Dorfmenschen nicht. Das ist ein Fehler.

Wenn ich mich von Billigdöner ernähre, auf Mallorca Urlaub mache und einen Diesel fahre – dann stoße ich auf Verständnis bei Ihnen?

Ich habe Verständnis in dem Sinne, dass es ganz viele Menschen gibt, die so große Sorgen haben, dass sie sich über das Klima keine Gedanken machen. Und das muss man nachvollziehen. Mir geht es darum, dass Fridays for Future die Alltagsnöte des Durchschnittsmenschen versteht. Die Klima-Anliegen müssen empathischer kommuniziert werden, um auch alle Menschen der Gesellschaft für den Schutz des Klimas zu begeistern – auch die untere Mittelschicht. Fridays for Future muss inklusiver werden, die ganze Breite der Bevölkerung mitnehmen und nicht nur Leute, die sich Klimaschutz leisten können. Klimaschutz ist eben oft eine Frage des Geldbeutels.

Sie denken an den teuren Biosupermarkt?

Genau.

Das Buch von Clemens Traub
Eine Streitschrift

Clemens Traub hat das Buch „Future for Fridays? Streitschrift eines jungen Fridays for Future-Kritikers“ veröffentlicht. Erschienen ist es im Quadriga Verlag (Bastei-Gruppe), 2020, 145 S., 14,90 Euro.

Traub ist 1997 in Karlsruhe geboren, 23 Jahre alt, aufgewachsen in einem kleinen pfälzischen Dorf. Er studierte Politikwissenschaften an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, arbeitet als studentischer Mitarbeiter in der „heute“-Nachrichtenredaktion des ZDF und ist SPD-Mitglied.

Was schlagen Sie denn vor? Konsumverzicht und Klimaschutz gehen doch Hand in Hand.

Ich finde, wir sollten das Schwarz-Weiß-Denken überwinden. Fridays for Future sollte aus seiner Wohlfühlzone heraustreten. Die Aktivisten sollten mit den normalen Menschen auf der Straße reden, auch mit ihren Kritikern. Sie müssen versuchen, die andere Perspektive einzunehmen. Nur so kann man den Planeten retten. Außerdem finde ich, dass wir wegkommen sollten von den Verbotsdiskussionen bei Fragen des Lebensstils und diesem Einteilen zwischen Gut und Böse. Man sollte eine innovative Klimadiskussion führen. Wie kann man grüne Technologien erfinden und fördern? Wie Wasserstoff besser einsetzen? Wie kann Deutschland ein Standort werden, an dem Klimatechnologie im Zentrum steht? Man muss den Klimaschutz als Chance und nicht als Bedrohung betrachten. CO2-Steuern gehen auf Kosten vieler Geringverdiener, Verbote ebenfalls. Und das will Fridays for Future nicht anerkennen.

Nehmen wir als Beispiel Billigfleisch. Was sollte man tun? Das Fleisch nicht verbieten, sondern …?

Ich würde ein anderes Beispiel nehmen. Ich komme aus einer Region, wo die Automobilindustrie sehr stark ist. In der Nähe meines Heimatortes ist eines der größten Lkw-Werke der Welt. Viele haben Angst, das jetzt mit Corona ihre Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. Wenn diese Menschen hören, dass Fridays for Future noch weitere Klimaauflagen fordert, dann bekommen sie es mit der Angst zu tun. Klimaauflagen gehen auf Kosten der Wirtschaft. Die Produktion wird teurer, plötzlich muss man Stellen abbauen. Fridays for Future muss das bedenken und mit der Wirtschaft ins Gespräch kommen. Es geht jetzt darum, grüne Technologien zu entwickeln, um mit technologischen Mitteln die Wende hinzubekommen, nicht mit moralischem Druck.

Bei einigen Sachen funktioniert diese Taktik nicht. Wenn man etwa an die Fleischindustrie denkt. Eine Wende wird es ohne einen Lebenswandel nicht geben.

Ja, das stimmt schon. Aber man sollte sich nicht auf diese Themen versteifen. Deutschland macht nur zwei Prozent des CO2-Austoßes auf der Welt aus. Es gibt Nationen wie China und Indien, die jetzt Kohlekraftwerke bauen. Das müssen wir verhindern. Die Debatten in Deutschland können eine neue und international vernetzte Diskussion über den Klimaschutz und neue Technologien anregen. Wir können also viel bewirken. Deswegen müssen wir wegkommen von den rein moralischen Argumenten.

Glauben Sie, dass es viele Klimaaktivisten gibt, die doppelmoralisch handeln? Also Klimaneutralität predigen und dann doch bei McDonald’s Burger essen?

Ja, das gibt es sicher. Es gibt da einen großen Widerspruch: Viele der Aktivisten haben eine kapitalismuskritische Haltung. Greta Thunberg hat ja gesagt, dass man das jetzige System überwinden muss. Viele Aktivisten sind sehr gebildet, 90 Prozent haben Abitur oder gehen aufs Gymnasium oder profitieren vom System oder vom Kapitalismus. Es gibt viele, die abgehoben Kapitalismusfeindlichkeit predigen, aber gleichzeitig in ihrem Leben einen Weg verfolgen, der zutiefst kapitalistisch ist. Dieser Widerspruch erweckt einen starken Zweifel bei Leuten, die sich als Verlierer des Systems begreifen. Sie sehen, dass diese Leute den Kapitalismus kritisieren, aber zugleich davon profitieren.

Sie finden also: Der wirtschaftliche Aspekt ist gerade in der Corona-Krise nicht ganz unbedeutend?

Absolut nicht. Das Gefährliche ist, dass es eine Zweiteilung in der Gesellschaft gibt. Es gibt viele, die den Klimaschutz als das dringlichste Thema sehen, immer noch. Aber nur weil sie finanziell unter Corona nicht leiden. Aber es gibt auch viele, die selbstständig sind, keine Aufträge mehr bekommen und keine Kunden mehr haben – und das über Monate hinweg. Diese Menschen haben Angst, dass ihre Existenz zerstört wird. Die Aktivisten bei Fridays for Future sind privilegiert und müssen unter Corona nicht so stark leiden. Daher haben sie auch für die finanziell Schwachen kein Mitgefühl.

Und wie reagieren die „Fridays for Future“-Leute auf Ihre Kritik?

Mit Distanz. Prügel habe ich aber bisher nicht bekommen. (lacht)

Das Gespräch führte Tomasz Kurianowicz.