Szene aus Gretel & Hänsel.
Foto: Orion Pictures Corporation

BerlinGretel (Sophia Lillis) schminkt sich. Der Spiegel eines Gewässers zeigt ihre mit einem dunklen Pflanzengemisch nachgekämmten Haare, die geschwärzten Wimpern und die leicht gefärbten Lippen. Es sind die ersten Schritte des Frauwerdens. Mit ihnen beginnt Oz Perkins’ Neuerzählung der Geschichte von Gretel und ihrem Bruder. Die nächsten, deutlich schmerzvolleren Schritte geht Gretel kurz darauf im Haus eines Adeligen, der weniger an ihren Diensten als Hausmädchen denn an ihrer Jungfräulichkeit interessiert ist. Gretel weist ihn zurück, und die Familie muss weiter hungern.

Hänsel (Samuel Leakey) versteht von alledem noch nichts. „Warum sind deine Lippen so seltsam gefärbt?“, fragt er verwirrt, bevor die Schwester ihn an die Hand nimmt und in das Zuhause zurückführt, das bald keins mehr sein wird. Damit beginnt das eigentliche Märchen, das der Film durch die zeitgenössische Brille betrachtet. Der Dreher im Titel ist nicht nur ein cleverer Marketing-Trick, der „Gretel & Hänsel“ aus Dutzenden Filmadaptionen und -variationen hervorhebt, sondern auch ein unmissverständlicher Hinweis darauf, dass Gretel die entscheidende Figur der Geschichte ist.

Die Welt um sie herum bleibt das Märchen-Mittelalter, dessen soziale Regeln der Frau keine Rolle zuweisen wollen, die nicht mit „Mutter“ oder „Hexe“ ausreichend beschrieben wäre, doch die heranwachsende Gretel durchschreitet sie eben nicht mit der naiven Unbedarftheit, die die Mädchenfigur im Märchen wieder und wieder in die Arme des Raubtiers oder der Hexe laufen lässt.

Am Haus der Hexe führt auch in dieser Adaption kein Weg vorbei. Doch ist hier das Dach nicht mit Kuchen gedeckt, sondern mit schwarzem Schiefer, der das im Wald noch grell durch die Baumkronen stoßende Licht direkt in die Erde ableitet. Die Bilder von Kameramann Galo Olivares vertreiben die letzten Reste der naiven Grundstimmung, die im Grimm’schen Original steckt, ohne sich je einer Märchenästhetik zu verweigern.

Rote und blaue Schimmer fallen auf Gretel und ihre Mutter, trennen sie im Halbdunkel des Hauses voneinander und nehmen damit das Schicksal der Verbannung vorweg, das die Kinder erwartet. Im Wald selbst, den die Verstoßenen auf der Suche nach Nahrung durchqueren, fällt das Sonnenlicht nicht auf helle, grüne Blätter, sondern auf sattes, rostbraunes Laub, über das ein dichter Nebel kriecht. Es ist diese Atmosphäre, die anstatt einer klaren Dramaturgie die Geschichte sachte anschiebt. Mit ihr breitet sich der Hunger aus und, als die Hexe die Kinder aufnimmt und ihnen Tag ein, Tag aus ein Festmahl aus dem Nichts auftischt: das Misstrauen.

Eine Frage von Leben und Tod

Die Kinder haben längst gelernt, dass es kein Geben ohne Nehmen gibt. Die endlosen Tischgedecke sind im Film also mehr eine Form der Versuchung als eine tatsächliche Täuschung. Das von einer unbenannten Seuche heimgesuchte Märchenland gibt kaum noch Weizen für einen Laib Brot und schon gar keine Milch, Früchte oder Zucker für die opulenten Süßspeisen, die die Hexe serviert. Sich diesem täglichen Überfluss zu entziehen, ist nicht allein eine Frage von Leben und Tod, es ist die Entscheidung, die den Übergang ins Erwachsenwerden markiert.

Für Gretel kommt sie mit Albträumen, die ihr offenbaren, welches Schicksal sie erwartet, wenn sie sich und ihren Bruder weiter dem scheinbaren Refugium hingibt, dessen Quelle wenig überraschend in der schwarzen Magie der alten Frau wurzelt, die sich ihr als Mutterersatz annähert. „Gretel & Hänsel“ ist ein Coming-of-Age-Märchen, das Adoleszenz und Horror mal mehr, mal weniger effektiv miteinander vermengt. Stets elegant eingelassen in die artifizielle Schönheit des Schreckens, schweben die Symbole des Erwachsenwerdens mitunter doch im luftleeren Raum.

Gretels erste Menstruation etwa nimmt als paradoxes und nie ganz aufgelöstes Symbol eine zentrale Rolle ein. Doch die Menarche ist im neu perspektivierten Grimm’schen Reich zugleich ein abergläubisches Zeichen der Unreinheit, der Beginn der Pubertät und für Gretel der Moment, in dem sie ihre eigenen magischen Fähigkeiten entdeckt. Die Ambiguität zwischen Feminismus und Hexenklischee bringt dabei nichts Verborgenes unter der Oberfläche des Films hervor, sondern dient vielmehr als Spiegel der Angst, Unsicherheit und Fragilität, die das Heranwachsen im düsteren Heim, in den melancholisch-herbstlichen Wäldern und der trügerisch schönen Hexenhütte als eigentlicher Schrecken begleitet.