Köln - Am Freitagabend ist in der Kölner Flora der Grimme Online Award verliehen worden. In vier Kategorien wählte die Jury acht einzigartige Web-Projekte aus. Die undotierte Auszeichnung wird seit 2001 verliehen, feierte also in diesem Jahr ihre „Volljährigkeit“. Trotz fehlenden Preisgeldes sind die Trophäen heiß begehrt und gehören zu den wichtigsten Auszeichnungen für Online-Angebote in Deutschland.

Die meisten Auszeichnungen in diesem Jahr erhielten die Nominierten der Kategorie „Kultur und Unterhaltung“. Vier der elf Projekte wurden ausgezeichnet. Jeweils zwei Awards gingen in die Kategorien „Wissen und Bildung“ und „Spezial“- hier wurden alle Formate eingeordnet, die zwar nominiert waren, aber in keine der anderen Kategorien einsortiert werden konnten. Leer ging dieses mal die Kategorie „Information“ aus. Von sieben Projekten - darunter die Recherche der „Berliner Zeitung“ zum Fall Anis Amri - wurde keine mit einem Preis geehrt. 

Den ersten und den letzten Award des Abends erhielt Mai Thi Nguyen-Kim für ihren YouTube-Kanal „maiLab“. Die promovierte Chemikerin wurde Anfang Mai als neue Moderatorin der WDR-Sendung „Quarks“ vorgestellt, ihren YouTube-Kanal betreibt die 30-Jährige aber weiterhin. Die Videos, produziert nur mit der Unterstützung einer Grafikerin, beantworten aktuelle Fragen wissenschaftlich und fundiert: Beispielsweise zeigen sie anhand von Studien, dass fluoridhaltige Zahnpasta keineswegs schädlich für die Menschen ist.

Die Jury lobte vor allem Nguyen-Kims Vorbildcharakter für Frauen in der Wissenschaft und den positiven Einfluss, den die faktengestützten Untersuchungen in der modernen Debatte haben.

Außerdem erhielt „maiLab“ den Publikumspreis des Grimme Award, der in einem Online-Voting zwischen allen Nominierten entschieden wurde. Laudatorin Stefanie Heinzmann, die auch für die musikalische Unterhaltung am Abend sorgte, sagte, das Format habe sich mit „einigem Abstand“ an die Spitze gesetzt. 

Die weiteren Preisträger sind:

Kategorie „Kultur und Unterhaltung“:

Bewegte Jahre – Auf den Spuren der Visionäre“: Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg hat die größte Jugendstil-Sammlung Deutschlands. Mithilfe eines fiktiven Reporters namens Christian Heller und seinen Tagebüchern führt das Webprojekt durch die 1900er Jahre in der ganzen Welt. Fotos, Zeitzeugenberichte und authentische Dokumente reichern die Fiktion wissenschaftlich an und geben tiefe Einblicke in die Gesellschaft der letzten Jahrundertwende.

Ein Deutsches Dorf“: Die Abschlussarbeit der Journalismus-Studenten der Henri-Nannen-Schule porträtiert das Leben im Dorf Werpeloh im Emsland beeindruckend tiefgehend. Mithilfe verschiedener Medien, Formate und Herangehensweisen reflektieren die Journalistinnen und Journalisten über das Leben auf dem Land und in der Stadt.

„Mädelsabende“: Mit „Mädelsabende“ ist ein weiteres von öffentlich-rechtlichen Sendern unterstütztes Projekt ausgezeichnet worden. Auf ihrem Instagram-Account machen vier Frauen sich das sonst so oberflächliche soziale Netzwerk zu nutze um über „Frauen-Themen“ zu sprechen. Es geht um Themen wie Körperbild, Selbstbewusstsein und psychische Störungen – selbstverständlich auch für männliche Zuschauer zugänglich.

Sommers Weltliteratur to go“: Ein weiterer Youtube-Kanal findet sich mit diesem Projekt unter den Gewinnern des Abends. Dramaturg Michael Sommer rekonstruiert mit Playmobil-Figuren literarische Klassiker in wenigen Minuten lange Videos. „Das hätte mir auch in der Schule geholfen“, so Laudator Wotan Wilke Möhring und weiter: „Was hätte mir das an Zeit gespart!“

Kategorie „Wissen und Bildung“:

RiffReporter“: Während die meisten anderen Formate wegen inhaltlichen Kriterien ausgezeichnet wurden, stellt die Jury beim Projekt „Riff Reporter“ vor allem den organisatorischen Aspekt heraus. Das Journalisten-Kollektiv ist genossenschaftlich aufgebaut und gibt Unterstützern die Möglichkeit, individuell in einzelne Projekte, Themen oder Themenkomplexe zu investieren. 

Kategorie „Spezial“:

Deutschland spricht“: Manchmal scheint die Kluft zwischen On- und Offline sehr groß zu sein und die reale und die digitale Welt immer weiter auseinander zu driften. Besonders in Fragen der Diskussionskultur wird dieser Unterschied offensichtlich - die oft kritisierte Anonymität in sozialen Netzwerken trägt nicht zur Konfliktlösung bei. In diesem Projekt von „Zeit Online“ brachten die Redakteure auf Grundlage einer Umfrage Menschen in ganz Deutschland mit gegensätzlichen Meinungen in der realen Welt zusammen und gaben ihnen die Möglichkeit, von Angesicht zu Angesicht über Themen zu sprechen, die sie bewegten. Das Ergebnis: Gemeinsamkeiten fanden sich trotz allem immer.

Raul Krauthausen für persönliche Leistungen: Der Aktivist Krauthausen ist mittlerweile auf allen wichtigen Plattformen im Internet vertreten, um seine Themen zu realisieren und voranzubringen. Hauptanliegen aller seiner Projekte: Inklusion. Bereits einige Male zuvor war er für den Grimme Online Award nominiert, jetzt wurde er endlich ausgezeichnet. Er wolle eine Plattform bieten, für Leute, die sonst vielleicht untergehen, so Krauthausen. „Auch nichtbehinderte Menschen haben ein Recht darauf, mit Menschen mit Behinderung zusammenzuleben!“