Dass Rolando Villazón nach seiner Stimmkrise nie wieder zu alter Form gefunden hat, ist für uns aus zwei Gründen bedauerlich. Erstens war er einer der besten Spinto-Tenöre seiner Zeit, zweitens betätigt er sich jetzt als einer der schlechteren Opernregisseure. Und so, wie seine Stimme ein Opfer seiner Energie und seines Übermuts wurde, so ist seine „Fledermaus“ an der Deutschen Oper das Werk zielloser Energie und Selbstkritik-freien Übermuts. Wenn Villazón am Ende heftige Buhs hört, streckt er sich mit stolzer Brust in den Protest, setzt sich eine rote Nase auf, als sollten wir das alles nicht ernst nehmen. Was soll der Quatsch?

Denn natürlich nehmen wir diese Inszenierung nicht ernst, deswegen finden wir sie ja auch nicht lustig. (Ja, Sie haben richtig gelesen.) Villazón verlegt die Feier im zweiten Akt in einem Bunker, macht aus dem Prinzen einen sowjetischen General mit langen Haaren und Korsage unterm Feldherrenmantel, der umflattert ist von zum Teil berlinernden Halbwelt-Gestalten der 20er Jahre.

Tendenziell zu grimmig

Davon abgesehen, dass Villazón hier fahrlässig in Konkurrenz zu den Berliner Operetten an der Komischen Oper tritt, die er nicht gewinnen kann: Seine Häufung von Anrüchigkeiten wirkt beliebig, die Verlegung der Handlung von Kakanien nach Preußen schier unkundig, was die Unterschiede zwischen protestantischem und katholischem Frivolitäts-Stil betrifft: Die Katholiken kennen dank legitimierter Ausnahmezustände wie dem Karneval nicht den düsteren Trotz, mit dem sich der amüsierwillige Protestant gegen sein schlechtes Gewissen wehren muss. Villazóns Party ist tendenziell zu grimmig, eher Besäufnis und Exzess als Rausch und Ironie, um zu den Johann Straußschen Walzern zu passen. Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper tun indes ihr möglichstes, um Bleigewichte an den Dreivierteltakt zu hängen und den Melodien ruppigen Berliner Charme mitzugeben.

Zum Ausgleich dieser fragwürdigen Lokalisierung siedelt Villazón den dritten Akt im Nirgendwo eines Raumschiffs an. Gefängniswärter Frosch (Florian Teichtmeister) ist ein Roboter, und seine Dialoge mit dem trunkenen Gefängnisdirektor Frank (Markus Brück) sind langweilig. Sie drehen sich im Kreis, und statt ihr einen anderen Dreh zu geben, halten sie die Geschichte nur auf. Lustig ist das ständige Gerede von Software und Teleportation auch nicht. Wenn die Szenerie von dort wieder zurück in den bürgerlichen Salon des ersten Aktes dreht, erklingt der Anfang der von Richard Strauss unter dem Titel „Also sprach Zarathustra“ komponierten Warsteiner-Werbung, die Stanley Kubrick für „2001“ ausgeschlachtet hat, und es laufen auch die Primaten vom Beginn dieses Films durchs Bild. Erinnern wir uns an Villazóns Clownsnase und denken nicht weiter darüber nach. Auch nicht über den Nosferatu-haften Doktor Frank, der seine Rache an Eisenstein mit langen Gummifingern einfädelt.

Wenig fantasievoll

Der erste, am konventionellsten inszenierte Akt gelingt am besten. Auch hier begegnet man unverständlichen Torheiten wie dem Obdachlosen am Bühnenrand oder dem Lichtwechsel beim ironisch beiseite gesprochenen „Oje, oje, wie rührt mich dies“, mit dem die Ehepartner Eisenstein die kommenden acht Tage ohne einander kommentieren – als sagte die frivol lauernde Musik nicht deutlich genug, dass die Freude auf diese Auszeit das Bedauern überwiegt. Eine überaus schöne Geste ist jedoch, wenn das Kammermädchen Adele ihren Staublappen hochwerfend ihn mit der Freiheit eines Vogelschwarms assoziiert. Und auch die gespaltenen Zeichen Rosalindes dem hinreißenden schmachtenden Enea Scala als Tenor Alfred – „Gehen Sie!“, während sie ihm die Hand zum Kuss hinhält – sind wirkungsvoll platziert.

Dennoch erstaunt angesichts der Bühnenerfahrung des Regisseurs das wenig fantasievolle, zwischen Denunziation und Blässe schwankende Arrangement der Figuren. Thomas Blondelle muss sich stereotyp durch die Rolle des Eisenstein blödeln und sein so klares wie undifferenziertes Geradeaus-Singen soll vermutlich trottelhaft wirken, als Kammerzofe Adele bekundet Meechot Marrero ihren Aufstiegswillen mit sozialistisch geballter Faust statt in ihrer Haltung; sie singt temperamentvoll und virtuos, allerdings mit zuweilen schneidendem Timbre.

Verloren auf der großen Bühne

Annette Dasch verleiht der Rosalinde das vielfältigste Gesicht der Produktion, beherrscht sowohl als Gattin wie in der Verkleidung als ungarische Gräfin die Bühne. In ihrer vokalen Interpretation sind viele Farben angelegt, die zuweilen seltsam stecken bleiben, etwa. Eine schöne Leistung mit rundem Klang und mühelos voller Höhe zeigt Angela Brower als Orlofsky im „Ich lade gern mir Gäste ein“; im Lied auf den Champagner dagegen wirkt sie verloren auf der großen Bühne und gegen das große Orchester – sehr munter und beweglich übernimmt dafür der Jeremy Bines einstudierte Chor des Hauses ihren Refrain.

Wer musiktheatralisches Amüsement sucht, muss in die Komische Oper gehen.

Die Fledermaus Weitere Termine: 1., 5.,8. und 29. Mai, Deutsche Oper, Karten: 34384343