Berlin - Ein sattes Disco-Röhren aus den Lautsprecherboxen zum Auftakt. Und schon sehen wir die kernigen Jungs. Victor etwa, alias Sebastian Achilles, der so etwas wie das Gesicht dieses Theaterabends ist: blonde Mähne, AC/DC-T-Shirt, gepolsterte Rockerjacke. „Ich hab’n Arsch voll Schwierigkeiten mit’m Gesetz“, presst er zwischen den Zähnen vor.

Poser und Obermacker

Weil Victor einen „Typen“ in der U-Bahn vermöbelt hat, findet er sich in einem Kochkurs wieder. Ein Kochkurs als „AAT: Antiaggressionstraining“. Mit dabei sind Leander (Roland Wolf), der einen „Penner“ vor die U-Bahn geschubst hat, und Konstantin (Robert Neumann), der ein Mädchen auf einer Party unter Drogen gesetzt hat, um es zu vergewaltigen. Sven (Jens Mondalski), der einen Asia-Imbiss angezündet hat, macht gleich mal die Haltung zur Veranstaltung klar: „Kochen ist doch unfassbar schwul.“ Willkommen in der Küche der Poser und Obermacker, bei harten Jungs mit kessen Sprüchen, aber natürlich irgendwie auch weichem Kern.

Mit der Uraufführung von David Gieselmanns Jugendstück „Über Jungs“ zeigt das Grips−Theater zum Saisonabschluss also breite Brust. Der Underdog-Charme, dieses „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, passt zur ersten Spielzeit unter der neuen künstlerischen Leitung von Stefan Fischer-Fels, in der beileibe nicht alles glatt lief: der Auftakt mit dem Kiez-Singspiel „Schöner Wohnen“ vergeigt, das Kinderstück „Held Baltus“ von Lutz Hübner alles andere als altersgerecht.

Zuletzt ließ Grips-Gründer Volker Ludwig, der sich in die Geschäftsführung zurückgezogen hat, kulturpolitisch die Muskeln spielen: Etwas alarmistisch wurde die drohende Insolvenz des Traditionshauses verkündet, was eine Welle an Solidaritätsbekundungen und die Aufstockung des Etats um 100.000 Euro durch den Senat nach sich zog. Bis 2014 ist die aktuelle Arbeitsgrundlage erst einmal gesichert. Dass mit Lutz Hübners intelligenter Elternabendkomödie „Frau Müller muss weg“ seit Februar ein neuer Kassenschlager im Programm ist, hilft bei der Haushaltskonsolidierung.

Was Stefan Fischer-Fels, der weiter auf Autorentheater mit frischen Stücken setzt, noch fehlt, ist etwas Zündendes fürs Kinder-und-Jugendprogramm. Die Tierfabel „Die besseren Wälder“ zeigte das Grips-Ensemble unter der Regie von Robert Neumann jüngst spielerisch in Höchstform, blieb aber inhaltlich ziemlich diffus.

Mit Gieselmanns „Über Jungs“ kehrt das Haus jetzt in vertraute Gefilde zurück: zu einem zeitgenössischen Realismus, der prägnante Typen in handfesten sozialen Nöten präsentiert. Resolut angeleitet von der Sterneköchin Frau Duvaldier (Regine Seidler) stümpern die Prügelknaben in einer Küche mit verschiebbaren Elementen (Bühne: Jorge Enrique Caro) durchs Karottenschälen. In Monologen geben sie etwas von ihrer Vorgeschichte preis. Dann wieder verpassen sie einander dialogisch Kopfnüsse, die der begnadete Komödienautor Gieselmann mit knackigem Jargonsprech pointiert hat. Als die Messerstecherin Alex (Nina Reithmeier) auftaucht, weht sogar ein Hauch Erotik über die Edelstahltöpfe.

Verfickte Karotten

Das Stück bietet dabei weniger eine Geschichte als eine Zustandsbeschreibung. Die Jungregisseurin Mina Salehpour lockert sie mit Film- und Popkulturzitaten auf, speist gern aufheiternde Choreographien ein. Dieser artifizielle Zugriff dämpft den Realismus der Charakterstudie.

Ein bisschen ist dieser neunzigminütige Abend wie die ganze Spielzeit: mit Licht und Schatten, tollem Schauspiel, unterhaltsam wie „Rock ’n’ fuckin’ Roll“, aber inhaltlich ausbaufähig. Am Stückschluss wurde bis zur letzten Minute mit der heißen Nadel gestrickt. Er mündet in ein Lob der kleinen Schritte: „Lasst uns doch einfach mal die verfickten Karotten schneiden.“

Über Jungs (ab 14) 25. Mai, 5., 6., 7. Juni im Grips-Theater, Kartentel.: 39.74.740