Grips Theater: Anders ist es bei anderen

Ach wie schön: eine junge Liebe zwischen jungen Menschen! Wie herrlich gliederlösend sie ist, und wie behände sie selbst Sprach- und Kulturgräben zu überwinden vermag! Man sieht von Zeit zu Zeit dergleichen gern. Und doch, ist’s denn mehr als Traum? Bloßes Wunschdenken vielleicht? Was es auch ist: Dieser Abend wird ein Kassenschlager.
Lutz Hübner, einer der meistgespielten, sehr dialog- und situationssicheren Dramatiker im deutschen Theater, war vor drei Jahren in Indien. Er kam sich so fremd vor, wird in dem freundlich ausgehändigten Erklärmaterial zu diesem Abend ausdrücklich betont, „dass er selbst sein eigenes Recherchematerial war“. Das Goethe-Institut Pune hatte ihn eingeladen, er traf dort auf die indischen Autoren und Theatermacher Vibhawari Deshpande und Shrirang Godbole und entwickelte mit ihnen ein Stück, das vor einem Jahr in Indien unter dem Titel „Du and Me“ herauskam, „umjubelt“, wie uns versichert wird.

Vollkommen erwartbare Missverständnisse

Jetzt ward die deutsche Fassung am Grips Theater urinszeniert, „Der Gast ist Gott“ betitelt. Es hüpfen vier bestens aufgelegte Darsteller über eine helle Spielfläche und tun wahlweise deutsch oder indisch. Wackeln mit den Köpfen, wedeln mit den Händen, tragen So-oder-so-Kopfbedeckungen und einen verrutschten Punkt an der Stirn. Baden also fröhlich in einem supergutgelaunten Stück, das unter der Regie von Mina Salehpour als gekonntes Klischee-Surfing vor allem Heiterkeit verbreiten will.
Erzählt wird von Boris (Robert Neumann), der als 17-jähriger Austauschschüler in Indien auf eine indische Familie trifft und sich in die indische Tochter Radha (Nina Reithmeier) verguckt. Bald wird geküsst, dazwischen viel Gedruckse und Getue und noch mehr durch und durch parodistisch abgefangene, vollkommen erwartbare Missverständnisse vom deutschen Essen, das die indische Mama kocht, aber fürchterlich ist (Kuttelsuppe), bis zum Augenverdrehen über deutsche Familienzustände (Patchwork).
„Der Gast ist Gott“: eine Culture-Clash-Comedy. Mit den allerdrolligsten volkstheaterhaften Rollenaussteigern („Das ist rassistisch“) und viel Figurenfopperei: Bleichblondperücke auf, und schon ist Katja Hiller die deutsche Mutti, Flattergewand an, und wir haben die indische Mama. Die Schauspieler haben Spaß, die Regie tut alles, ihn nicht zu verderben, inklusive kräftiger Eingriffe in die Textvorlage. Und dass immer wieder dem fröhlichen Bühnentreiben in die Seite geknufft wird und all die denkbaren Fettnäpfchen eines Völkerverständigungstheaters angestupst werden: auch ein Spaßbeschleuniger.
Sollte dieser Abend ein Beitrag über die Hürden und Irrwege des interkulturellen Dialogs sein, ist er eine Katastrophe. Jeder harte Konflikt wird lässig weggeschnippt, alles Heikle ironisch an den Rand gespielt. Als ob kulturelle Verschiedenheit ein Small-Talk-Fall wäre und sonst alles eigentlich in Butter. Aber das ist dieser Abend ja nicht. Er ist eine Bollywood-Bubble, gezuckert mit Ironie. Nie wird diese Blase auch nur mit dem kleinsten Pikser behelligt, alles bleibt rund und schön. Auch mal nett.
Der Gast ist Gott, wieder am 10.–12. April, Grips im Podewil, Kartentel.: 39 74 74 77.