Nun, wie wir wissen, kann all das passieren – ohne Katastrophen auszulösen. Im Grips-Theater, vor über vierzig Jahren gegründet, um Kindern und Jugendlichen witzig-gescheite Stücke und nicht süßliche Streicheldramatik anzubieten, hatten Märchenwesen und Tiere bislang Hausverbot.

Der neue Intendant Stefan Fischer-Fels nahm das wohl etwas lockerer und „Die besseren Wälder“ ins Programm. Für diese klug konzipierte, humorvolle und überraschende Parabel bekam der Autor Martin Baltscheit 2010 den Deutschen Jugendtheaterpreis. Die Uraufführung inszenierte nun Robert Neumann in der Dependance des Grips-Theaters in Mitte.

Mehr Pantomime gibt's nicht

Doch siehe da: Weit und breit kein Tier und auch kein Tierkostüm, stattdessen fünf Darsteller in T-Shirts und Jogginghosen, denen eine possierliche Nähe zur Fauna in keiner Weise anzusehen ist. Nur ab und zu greift jemand zu einer Tiermaske oder watschelt ein bisschen kokett, mehr Pantomime gibt’s nicht.

Die Bühne ist leer, an den Seiten sind Requisiten und Mikrofone vorbereitet. In eines von ihnen sagt ein Schauspieler am Anfang: „Drei Wölfe im Schnee. Vater, Mutter und Sohn. Sie gehen gegen den Wind.“ Paul Jumin Hoffmann, Jennifer Breitrück und Florian Rummel, die hier barfuss durch den imaginären Schnee rennen, zucken und hecheln dabei.

Wenn sie die Kragen ihrer Lederjacken aufstellen, sind daran Wolfsohren zu erkennen. Dann werden die Eltern erschossen, der Junge überlebt, weil ihn ausgerechnet ein Schafspaar ohne eigenen Nachwuchs (René Schubert, Alessa Kordeck) aufzieht. Die restliche Herde weiß davon freilich nichts. Der Wolf im Schafspelz heißt nun Ferdinand, macht „Mäh“ und isst Grünzeug.

Frohgemut und wunderhübsch

In der Pubertät neckt er unbedarfte Lämmchen und rauft mit jungen Böcken. Seine Interpretation des „Schafe Maria“ während der Weihnachtsmesse wird gefeiert.

Die Integration scheint völlig gelungen. Aber was ist hinter dem Zaun, über den die Schafe angeblich nie springen wollen? Oder sollen? Und was, wenn andere Wölfe den umerzogenen Artgenossen entdecken? Martin Baltscheit gelingt es auf so amüsante wie anrührende Weise, gar nicht komische Themen – Identität, Isolation, Vorurteile, Pluralismus – anzupacken und als unterhaltsame Spiel- und Denkanstöße aufzubereiten. Frohgemut und wunderhübsch zeigt der Regisseur Robert Neumann all das natürlich als Geschichte von Menschen für Menschen.

Am 24. und 25. April im Grips-Theater, Klosterstr. 68, Kartentel. 39 74 74 77