Wie für den Besuch bestellt, tritt Volker Ludwig aus der Tür. Doch geht er mit einem kurzen Nicken an uns vorbei die eiserne Wendeltreppe hinunter. Der weißbärtige Mann hat vor fünfzig Jahren das Grips-Theater gegründet. Seit der Spielzeit 2017/18 wird es von Philipp Harpain geleitet. Mit ihm sind wir verabredet.

„On the Child’s Side ist der Titel der zwei Festwochen alässlich des 50. Geburtstag des Grips

Philipp Harpain führt durch einen schmalen Gang neben den Büroräumen in der oberen Etage des Theaters am Hansaplatz. Die Wände sind schmutzig, einige der Glasbausteine haben Risse, der Besprechungsraum trägt Spuren früherer Möbel. Hat Volker Ludwig nicht ein bisschen grimmig geguckt eben? „Nachdenklich ist er“, sagt Harpain. „Obwohl er die Leitung abgegeben hat, ist er in die Vorbereitung des Jubiläums noch sehr eingebunden.“

Am Donnerstag beginnen die zwei Festwochen zum 50. Geburtstag des Grips mit dem Titel „On the Child’s Side“ – also: Auf der Seite des Kindes. Das ist der Kern der Arbeit hier; dieses Theater richtet sich an Kinder und Jugendliche. Selbst das bei Erwachsenen beliebte Erfolgsstück „Linie 1“ war 1986 für ein jugendliches Publikum konzipiert. Es dreht sich um ein Mädchen, das – neu in der Stadt – Orientierung sucht zwischen Ordnung und Anarchie, Armut und Reichtum. Die U-Bahn-Linie, deren Strecke vom Wittenbergplatz über Nollendorfplatz und Kurfürstenstraße bis zum Schlesischen Tor jeder Zuschauer beim Fahren innerlich mitsingen kann, bildet den dramaturgischen roten Faden.

Das Grips gehört seit dreißig Jahren auch zum vereinten Berlin

Volker Ludwig leitete noch das linke Reichskabarett in der Wilmersdorfer Ludwigkirchstraße, als er im Mai 1969 mit seinem Bruder, dem Karikaturisten Rainer Hachfeld, das Stück „Stokkerlok und Millipilli“ zur Uraufführung brachte. Eigentlich sollte das Kindertheater nur nachmittags für ein paar Einnahmen sorgen. Doch aus Volker Ludwigs Ausflug in ein anderes Genre wurde sein Lebenswerk.

Dafür bekam er viel Applaus, als vor fünf Wochen die Übergabe des Grips-Archivs an die Akademie der Künste gefeiert wurde, 30 Regalmeter mit Stücktexten, Fotos, Rezensionen, Zuschauerreaktionen. Der Direktor des Akademie-Archivs sprach zunächst von „Berliner Theatergeschichte“ und präzisierte dann etwas unglücklich zu „West-Berliner“. Das Grips gehört seit dreißig Jahren auch zum vereinten Berlin.

Zum 40. Geburtstag erfand Grips-Gründer Volker Ludwig das ironische Stück „Linie 2“

Den Übergang in der Leitung hätten sie gemeinsam sehr gut hinbekommen, sagt Philipp Harpain. „Volker hatte mir angekündigt: Wenn du die Leitung machst, werde ich immer da sein, wenn du nicht mit mir rechnest.“ Aber wenn er nun zu manch einer Veranstaltung mit ihm zusammen gehen wolle, möchte Volker Ludwig ihn lieber allein schicken.

Sie geben sich gegenseitig Texte zu lesen, gerade jetzt. Zum 40. Geburtstag erfand Volker Ludwig das ironisch in den Osten führende Stück „Linie 2“, über 80 Mal wurde es gespielt. Zum 50. gibt es zwei Festwochen. Die Eröffnungspremiere heißt „Die Lücke im Bauzaun“, auch sie nimmt einen alten Erfolg auf: „Balle, Malle, Hupe und Artur“ von 1971. Mehdi Moradpour, in Teheran geboren, in Deutschland lebend, schrieb die Neufassung. Vassilis Koukalani, in Deutschland geboren, in Griechenland lebend, inszeniert sie.

„Ich fand es toll, Leute von außen an so einen alten Stoff ranzulassen“, sagt Philipp Harpain. „Es geht darum, wie Kinder miteinander spielen, und darum, wo sie es dürfen.“

Flops kann sich das Grips-Theater nicht leisten

Harpain, 1966 in Kiel geboren, kam 2003 als Theaterpädagoge ans Grips. Vielleicht erklärt er sein Haus deshalb zuerst so: „Wir sind ein professionell arbeitendes Theater, das sehr speziell über sein Publikum Bescheid weiß.“ In über dreißig Schulen in Berlin seien Grips-Mitarbeiter regelmäßig vor Ort. Es gebe Lehrerinnen, die gestalten ein ganzes Halbjahr mit Grips-Stücken. „Ich merke immer wieder, dass sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene noch lange an Aufführungen erinnern, auch an einzelne Lieder.“ In der Festwochen-Premiere wird der alte Song „Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind“ wieder erklingen.

Pädagogisch möchte er das Theater dennoch auf keinen Fall nennen. Er weiß, dass das ein alter Vorwurf gegen das Grips ist. „Wir geben nicht vor, was die Zuschauer zu denken haben, wir bieten oft ein offenes Ende, natürlich mit einer positiven Möglichkeit. Man kann die Stücke weiterdenken. Insofern steht unser Theater in der Tradition der Aufklärung. Die Themen, die wir aufgreifen, sind drängend, sind aus der Zeit geboren.“

Und sie müssen auch drängend sein. Flops kann sich das Theater nicht leisten, die Auslastung muss immer bei 85 bis 90 Prozent liegen. Die finanzielle Ausstattung sei zwar mit dem jetzigen Senat besser geworden, sagt Philipp Harpain, da aber zuvor über ein Jahrzehnt lang der Etat nicht erhöht wurde, sei man immer noch dabei, das Defizit auszugleichen. Das Grips ist eine gemeinnützige GmbH, institutionell gefördert vom Senat, etwa wie die Schaubühne. Das Theater an der Parkaue dagegen hat als Staatstheater eine bessere Grundlage.

Philipp Harpain möchte das Grips wachsen lassen

Mit dem Wort „Renovierungsrückstau“ beschreibt Harpain das, was in den Büros sichtbar ist. Es müsste endlich getrennte Garderoben für die Schauspieler geben, auch Duschen für die Techniker und ein vernünftiges Lager. „Und das Gedrängel im Foyer kann man zwar als Grips-Charme ausgeben, doch da fehlt einfach auch Platz.“

Aber es tut sich bald etwas. Gerade sei ein Lottomittelantrag bewilligt worden. Philipp Harpain möchte das Grips sogar noch wachsen lassen, er denkt an eine Wiese hinter dem Haus am Hansaplatz, die dem Stadtbezirk Mitte gehört. „Wir haben angefragt, ob wir dort bauen können. Ein Saal mit 250 Plätzen wäre gut.“ Im Haupthaus sind es bis zu 400 Plätze, im Podewil in der Klosterstraße noch einmal 135. Vielleicht wird es das Geschenk zum 55. Geburtstag.

Kinder sind ein besonderes Publikum im Theater

Vielleicht wird dann auch wieder ein Stück von Kirsten Fuchs uraufgeführt. Die Schriftstellerin, Lesern bekannt durch den Roman „Mädchenmeute“, Zuhörern durch Auftritte auf Lesebühnen, entwickelt sich zur Haus-Autorin. Ende März feierte ihr viertes Stück fürs Grips Premiere, „Das Nacktschnecken-Game“. Im Podewil kann man seit zwei Jahren Fuchs’ Stück „Das Heimatkleid“ sehen, entstanden auf Wunsch der Schauspielerin Katja Hiller. Die wollte einen Monolog, der sich mit Populismus auseinandersetzt. Sie zeigt im Dialog mit sich selbst das Erwachen einer jungen Frau, die sich eigentlich nur mit Mode beschäftigen wollte, aber dann bei rechter Politik landet. Das wirkt gänsehautprovozierend aktuell.

Bevor ihr Stück „Tag Hicks oder fliegen für vier“ im Jahr 2015 am Grips inszeniert wurde, wusste sie gar nicht, dass sie fürs Theater schreiben könne, erzählt Kirsten Fuchs am Telefon. Sie habe sich eigentlich nur für ein Stipendium beworben, weil sie Geld brauchte. Das Gasag-Stipendium zum Berliner Kindertheaterpreis fördert Autoren, bringt sie mit den Dramaturgen des Grips und dem potenziellen Publikum zusammen. Der Preisträgertext wird dann inszeniert.

„Kinder sind ein krasses Publikum“, sagt Kirsten Fuchs. „Sie reagieren immer ehrlich. Sie spielen keine Ergriffenheit wegen großer Kunst. Sondern sie zeigen sich entweder interessiert oder gelangweilt.“ Für das dramatische Schreiben habe sie eigentlich keine Theorie, sagt sie, deshalb sei es sehr wichtig gewesen, im Austausch zu erfahren, was auf der Bühne ginge und was nicht. Sie konnte auch Kinder fragen, was sie sich zu sehen wünschen. Diesen Luxus der engen und gleichberechtigten Arbeit mit den Autoren leistet sich nicht jedes Theater.

Zum 50. Jubiläum gibt es ein Buch -  „Für die Zukunft“ 

Zum Jubiläum gibt es ein Buch, das ist hier so üblich. „Für die Zukunft“ heißt es diesmal, ist voll mit Inszenierungsfotos aus fünfzig Jahren, mit Beispielen für die Arbeit des Grips nach außen – den Workshops in Afrika, dem Einsatz für Flüchtlinge, den Aktionen gegen Abschiebungen von Jugendlichen, die jahrelang hier zur Schule gegangen sind.

Grips, geboren nicht nur „aus dem Geist des Kabaretts“, wie Volker Ludwig sagt, sondern in einer politisch aufgeheizten Zeit, ist immer politisch geblieben. Das letzte Foto im Buch zeigt Mitarbeiter des Theaters bei der #Unteilbar-Demonstration der Vielen.

Im Buch-Beitrag von Stefan Fischer-Fels findet sich die Formulierung „schön eingegripst immer wieder von den Altvorderen, die uns mantrahaft die Geschichte des Grips erzählen“. Philipp Harpain ist nicht der erste Thronfolger. 2011 hatte Volker Ludwig die künstlerische Leitung des Hauses an Stefan Fischer-Fels übergeben. Der kam von außen, aus Düsseldorf, kannte aber die Tradition, weil er schon einmal zehn Jahre Dramaturg am Grips war. Sein Wunsch nach Erneuerung war offenbar zu stark. Einige der Ideen aus seinen fünf Jahren Amtszeit blieben, so die Zusammenarbeit mit Kinderärzten für „Grips auf Rezept“ und der Kinderkongress.

„Mut zu machen und dabei intelligent zu unterhalten“ als Grundidee des Grips

Beim ersten Kongress 2011 erklärte Stefan Fischer-Fels die Idee so: „Wir interessieren uns für die Wirklichkeit der Kinder, doch dazwischen liegt eine Distanz von zwanzig und mehr Jahren. Die Kinder sind die Experten des Alltags.“ Einhundert Kindern von vier Grundschulen erforschten das Thema Armut. Das bereitete den Boden für „Pünktchen trifft Anton“, Volker Ludwigs Bearbeitung des Erich-Kästner-Romans.

Regie führte damals Frank Panhans. Insgesamt hat er 15 Inszenierungen am Grips gemacht, in einem Haus, das selten mehr als vier Stücke im Jahr neu produziert, ist das eine Menge. Wir erreichen ihn am Telefon in Wien. Beim ersten Mal passt der Anruf nicht. Er hat gerade den Unterricht begonnen an der Schauspielschule, wo er seit fünf Jahren Professor ist. Und er hat vergessen, das Telefon auszuschalten. Beim nächsten Mal sagt er gleich: „Ich mag dieses emanzipatorische Kindertheater, diese Art, Geschichten zu erzählen, Mut zu machen und dabei intelligent zu unterhalten.“ Er nennt das die Grundidee des Grips.

Grips war im Westen etwas besonderes

Wenn er sagt, er komme ja nicht vom Kabarett, sondern vom klassischen Schauspiel, führt das zu dem großen Diskussionspunkt der vergangenen Jahre. Er habe immer versucht, in die Tiefe zu schürfen, ästhetische Ideen auszuprobieren. „Volker Ludwig hat mich gefördert, aber ich war für ihn die Nebenschiene. Bei Stefan Fischer-Fels sollte ich die Hauptschiene werden“, sagt er, „dazu kam es nicht.“

Als Fischer-Fels im Jahr 2015 gehen musste, schrieb Christian Rakow in der Berliner Zeitung, dass ein Fall „fortgeschrittener Gründerkrankheit“ am Grips ausgebrochen sei, den englischen Begriff „founder’s syndrome“ übersetzend. Volker Ludwig sah sein Baby bedroht und wollte es schützen.

Stefan Fischer-Fels sei vielleicht ein bisschen zu extrem vorgegangen, sagt Frank Panhans, „er hat den Volker nicht mit auf die Reise genommen. Oder wollte und konnte Volker nicht mitfahren? Es gibt für mich darauf keine eindeutige Antwort.“ Panhans, 1966 in Greifswald geboren, findet es verständlich, wenn man zuerst die Rolle des Grips-Theaters für den Westen würdigt. „Was wir im Osten hatten, diese riesigen Häuser in Dresden, Leipzig und Berlin, die verfolgten einen ganz anderen Auftrag im Sinne des Staates. Grips war im Westen etwas Besonderes, ist aus dem 68er-Geist entstanden und sah sich immer aufklärerisch.“

Der 50. Geburtstag ist für alle im Ensemble bedeutsam

Panhans’ jüngste Inszenierung am Grips ist „Magdeburg hieß früher Madagaskar“, geschrieben von Zoran Drvenkar. Nach deren Aufführung am Mittwochmorgen im Podewil treffen wir die Schauspieler Regine Seidler und Frederic Phung. Sie sind umringt von Kindern, die gerade noch im Saal saßen. „Bist du seine Mutter?“, fragt ein Junge. „Ich habe die Mutter von seinem Freund gespielt“, sagt Regine Seidler. „Der hat dich beleidigt“, setzt er fort. Das Gesehene wirkt nach. Sie klärt auf: „Ja, mein Sohn im Stück hat etwas gesagt, was mich sehr geärgert hat.“ Frederic Phung wird gefragt, wie alt er sei. Die Zahl 31 löst Erschrecken aus. Kein Wunder, eben auf der Bühne war er ja ein Kind wie die Jungs hier, er zog bei seinem besten Freund ein, weil der von seiner Mutter geschlagen worden war.

Frederic Phung gehört seit 2016 zum Ensemble. Der 50. Geburtstag bedeute ihm durchaus etwas, sagt er, dieses Theater habe in der Gesellschaft viel verändert. „Wenn ich mich besinne, dass diese 50 auch 20 meiner Lebensjahre enthalten, wenn auch mit Unterbrechungen“, sagt Regine Seidler, „dann bin ich stolz. Da steckt viel Arbeit und viel Herzblut drin.“ Sie lobt die Art des Feierns mit den Gastspielen aus Ägypten, Indien, Griechenland oder Korea, „dass man das zur Summe dazu addiert, was Grips bewirkt hat in der Welt“.

Das Grips leistet sich ein Mitarbeiterplenum

Während Frederic Phung nur andeutet, manchmal ästhetisch andere Vorstellungen zu haben, wird Regine Seidler deutlicher. „Für mich war die Zeit unter Stefan Fischer-Fels sehr wesentlich“, sagt sie. „Es kamen neue Regisseure und neue Ansichten darüber, wie man für Kinder Theater machen kann. Wir haben zum Beispiel das Stück ,1848‘ entwickelt, sehr frei nach einem Roman von Klaus Kordon, in der Regie von Frank Panhans, das führte zu den Kernfragen der Demokratie. Ich habe diese Arbeit als großen Zugewinn empfunden, aber viele im Haus haben damals geächzt.“ Am Staatstheater sei man wohl andere Abläufe gewohnt. Fischer-Fels kam vom Düsseldorfer Schauspielhaus; heute leitet er dort das Junge Schauspiel. „Leider gab es viele Missverständnisse. Volker Ludwig und Stefan Fischer-Fels haben sich entzweit, wirklich schade.“

Frederic Phung hat das Ende jener unruhigen Zeit noch erlebt, sagt aber, er hat es nicht nur als künstlerischen Disput verstanden. „Das Grips-Theater ist auch eine Familie, da ist es ganz wichtig, alle mit ins Boot zu holen. Philipp Harpain versucht, diesen Grips-Geist zu beachten. Das ist der große Spagat.“

Das Theater leistet sich ein Mitarbeiterplenum, an dem Abgeordnete aus allen Bereichen beteiligt sind, das Gremium. Regine Seidler gehört dazu, Frederic Phung hat einen Sitz als Vertreter. Welches Stück aufgeführt wird, beschließt das Gremium; es berät auch über Themen, Autorenschaft, Regie und Besetzung. „Das ist ein hartes Ringen“, sagt Regine Seidler, „ich habe schon oft verflucht, dass Demokratie so schwierig ist. Aber es macht auch die hohe Identifikation aus. An anderen Theatern findet man seinen Namen auf dem Besetzungszettel, wenn man Glück hat, mag man den Regisseur.“

„Die Zeiten des großen Erfolgs von Grips waren im abgeschlossenen West-Berlin“ - sagt Regine Seidler

Kindertheater werde oft belächelt, als sei es nicht die wahre Kunst. Frederic Phung sagt: „Wenn man auf die Schauspielschule geht, träumt man kaum davon, Kinder- und Jugendtheater zu machen. Aber hier merkt man schnell, dass man mit dem Publikum in einem anderen Kontakt ist, dass man sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzt für die Menschen, die das dann noch in die Welt tragen können. Die Struktur am Haus, das Mitbestimmungsmodell, die Themen und das Publikum – das sind Aspekte, die mich hier halten.“ Die beiden Schauspieler sind sich einig: Kindertheater ist anstrengend, wenn man morgens um zehn spielen muss und abends noch proben, dabei immer freudvoll und kreativ. Das passe nicht zu jedem.

Beide erzählen von Beispielen, da sie sehen konnten, was ihr Spiel bewirkt. Nach der Wiederaufnahme von „Eins auf die Fresse“, wo ein Junge von seinem Vater einfach so, aus dem Nichts, geschlagen wird, haben Jugendliche zu Frederic Phung gesagt: Das ist bei uns genauso. Nach „Madagaskar“ seien Lehrer gekommen, deren Schüler über die Situation zu Hause zu sprechen anfingen. „Aus die Maus“, ein Stück über Obdachlosigkeit, werde mit anschließendem Gespräch angeboten, weil das Thema viele Kinder verstöre.

Der 50. Geburtstag gibt also nicht nur Anlass zum Feiern, sondern auch zu vielen Fragen. Je länger wir im Hof des Podewils sitzen, immer noch begleitet von den Tobe-Geräuschen der Kinder, desto deutlicher wird, wie fragil so ein Jubiläum ist, wenn sich Sehgewohnheiten und Verhalten des Publikums verändern. „Die Zeiten des großen Erfolgs von Grips waren im abgeschlossenen West-Berlin“, sagt Regine Seidler und klingt, als wollte sie den Chef des Akademie-Archivs bestätigen.

Das Grips-Theater muss auch die Kinder von heute etwas angehen

Aber sie hat recht: Heute ist Grips ein Theater unter mehreren. Die Verklärung zum Museum bekäme ihm nicht gut. Der Gedanke kann einem auch beim Hören der 3er-CD-Ausgabe „Grips-Theater. Die schönsten Lieder aus 50 Jahren“ kommen. „Doof gebor’n ist keiner“ von 1973 hat noch immer Witz, doch „Mattscheiben-Milli“ aus dem Jahr 1978 scheint wie aus einer anderen Welt.

Kinder trauen sich heute, Erwachsenen ihre Meinung zu sagen. Was heute gespielt werde, muss sie heute etwas angehen. Regine Seidler fragt: „Wie skeptisch betrachten wir unsere Erwachsenenperspektive?“ Das sei viel wichtiger, als immer über Tradition zu reden. „Mich kränkt der Vorwurf: Ihr wollt ja nur Kunst machen. Ja, das will ich, gute Kunst für Kinder.“ Volker Ludwig sei da in vielem anderer Meinung. „Aber“, sagt sie froh, „dass dieser Streit in diesem Haus möglich ist, das ist auch sein Verdienst.“

Das Grips ist auf ewig mit „Linie 1“ verbunden

Und dass das Grips auf ewig mit „Linie 1“ verbunden sein wird, auch. So einen Kassenschlager, der sich über Jahrzehnte hält, hätte jedes Theater gern. Im August steht die 1900. Vorstellung im Programm. Das südkoreanische Hakchon-Theater hat „Linie 1“ inzwischen sogar mehr als 4000 Mal gespielt, am 18. und 19. Juni gastiert es mit seiner Adaption zu den Grips-Festwochen. Und während hierzulande die Museumshaftigkeit des Stücks diskutiert wird, brachte das Theater in Seoul 2018 Bronze-Reliefporträts an seiner Fassade an – zu Ehren von Volker Ludwig und dem verstorbenen „Linie 1“-Komponisten Birger Heymann .

Frederic Phung spielt bei „Linie 1“ zum Beispiel den Jungen im Mantel. Dann steht er auf der Bühne neben Dietrich Lehmann, geboren 1940, der schon zur Urbesetzung gehörte, als Phung noch nicht auf der Welt war. Lehmann ist seit 50 Jahren im Ensemble. Einen wichtigen Lehrer, was das Ethos angehe, nennt ihn Regine Seidler: „Jeder Zuschauer hat ein Recht auf eine gute Vorstellung, darauf beharrt er. Egal, ob es die zehnte oder die tausendste ist.“

Das würde Volker Ludwig sicher auch unterschreiben.