Was bietet sich für Kunst in einem „Garten der irdischen Freuden“ mehr an, als diese Referenz: Hieronymus Boschs surreal-katholisches, den Aberglauben der Menschen seiner Zeit versinnbildlichendes Malrätsel „Garten der Lüste“. An der Wand eines Saales im Martin-Gropius-Bau hängt die Mitteltafel des Triptychons, als exzellente Kopie aus der Schule des Niederländers von 1550, eine private Leihgabe.

Aber keineswegs nur Abendländisches wird in dieser fulminanten Ausstellung zum Bezugspunkt. Nur wenige Schritte weiter sind wir im Orient. Auf einem langen niedrigen Podest erstreckt sich ein kostbarer Perserteppich mit geometrisch gruppierten Szenen: Stilisierte Beete voller Blumen und vier als Kreuzung angeordnete, im Koran genau so beschriebene Wasserläufe. Geknüpft wurde das Prachtwerk um 1790. Das Museums für islamische Kunst lieh es dem Ausstellungshaus der Berliner Festspiele für diese Schau mit sinnlicher Bildwucht und kritischem Zugriff auf die Vorstellung der Menschen vom Paradies, aber auch mit dem Zauber meditativer Momente.

Gärten haben Zäune

Im alten Persien galt der Garten als abgegrenzter, geschützter Ort, so, wie heutzutage vielleicht die Botanischen Gärten ein wenig an die Vorstellung vom Paradies erinnern. Überhaupt geht der Begriff Garten etymologisch aus dem für Grenze oder Zaun hervor, was, wie Kuratorin Stephanie Rosenthal es sagt „ein Innen von einem Außen, das Eigene vom Fremden“ trennt. Die erste, reiche, Welt von der armen dritten, die friedliche von der der Kriege und Krisen. Also ist der Garten als Metapher der Glückseligkeit auch ein Ort der In- wie Exklusion. Ein Sehnsuchts-Ort, bei dem sich die politische, soziale und ethische Teilhabe-Frage stellt: Wer darf hinein und wer nicht?

Der Japaner Taro Shinoda hat einen ZEN-Garten aufgebaut. Aus Marmorbrocken. Indem er statt Lavagestein dieses typisch abendländische, seit der Antike in der Kunst verwendete Material wählte, zelebriert er einen Bruch mit der östlichen Tradition. Auch sind die Steine in den üblicherweise nur von einem einzigen Zugang her betretbaren ZEN-Gärten dort sonst ausschließlich von der Vorderseite zu sehen. Im Lichthof des Gropius-Baus hingegen können die Besucher um den meditativen Ort herumgehen und sehen, dass der Bildhauer die jeweilige „Rückseite“ der Steine glattgeschliffen hat. So verweist er auf das Nichts, auch auf das Sichtbare im Unsichtbaren, ein philosophisches Moment im Buddhismus. Jenes griff auch John Cage auf. Seine Zeichnungen erlebt man zu seinen meditativen Kompositionen in einem eigenen Raum.

Der biblische Garten Eden muss ein göttlicher Ort – gewesen – sein. Eine Welt, in der Natur und Menschen mit sich im Reinen sind. Das Leben sorglos, die Bedürfnisse gestillt. Der ideale Ort, Metapher der Sehnsucht nach dem Glückseligen und Friedvollen. Ein Ort, an dem alles Gute und Schöne der Natur gedeiht, an dem es weder Krankheit noch Unglück, keine Trauer, keinen Hass, keine Gewalt und keinen Neid gibt. Ein Ringparabel-Garten, der allen Religionen heilig ist.

Aber aus diesem Eden hat Gottvater, wie es in der Schrift heißt, das Menschenpaar Adam und Eva vertrieben, weil sie, verführt von der Schlange, den Apfel vom Baum der Erkenntnis aßen. Das alles und mehr geht einem durch den Kopf vor der gewaltigen Installation „Antoine’s Organ“ des Afroamerikaners Rashid Johnson im Lichthof. Es riecht nach Erde und Grün. Wie die legendären Hängenden Gärten der Semiramis von Babylon aussahen, wissen wir nicht. Überliefert sind nur Berichte alter Griechen von einer sagenhaften Gartenanlage am Euphrat, eines der Sieben Weltwunder der Antike.

Johnson hat dazu eine lakonische Paraphrase geschaffen, mit der er fragt: Was ist „zivilisiert“ und was „primitiv“? In hohen Stahlregalen stehen üppige exotische Topfpflanzen, Monitore, liegen Teppichrollen, Bücher, darunter Kierkegaards abgründige Abhandlung über die Angst vorm Fremden. Und eine Kiste voll afrikanischer Sheanuss-Butter, in der westlichen Kosmetikindustrie als Grundstoff begehrt.

Wie achtlos Menschen bislang mit der Natur umgehen, ist derzeit ein großes Thema für Proteste, dringliche Umkehr, auch endzeitliche Szenarien. Die beklemmend schöne Künstlichkeit, wie etwa Yayoi Kusama sie mit „ With All My Love for the Tulips, I Pray Forever“ in popbunten Plastiktulpen und einem kosmischen Farbpunkt-Delirium inszeniert, begleitet die Japanerin mit Pathos: „Unsere Erde ist wie ein kleiner Tupfen unter Millionen anderen Himmelskörpern, eine Kugel voller Hass und Streit inmitten der friedlichen, stillen Sphären. Lass uns das ändern und diese Welt zu einem neuen Garten Eden machen.“

Liebesakt mit Palmen

Wortloser, aber gestenreicher hat Zheng Bo sich mit „Pteridophilia“ seinen eigenen Garten der Lüste geschaffen. Inmitten sinnlich wuchernder Topfpflanzen können wir per Monitor mitansehen, wie der junge Chinese einen zärtlichen Liebesakt mit einer Palme vollzieht. Das ist kein „Pflanzenporno“, wie sich ein Reporter echauffierte. Man sieht nur den Kopf des Mannes. Seine erotischen Küsse verweisen subtil auf die Gleichberechtigung aller Schöpfung, auf Liebe und Achtsamkeit.

Es ließe sich noch seitenlang erzählen von dieser Schau. Davon, wie die Schweizerin Pipilotti Rist den Klimawandel als Sündenfall oder wie die Britin Heather Philippson das Überleben der Menschheit als einen sinnlichen Prozess der Kompostierung vorführt. Und die Amerikanerin Jumana Manna hält uns in ihrem Video Hände mit Samenkörnern aus dem Welt-Saatgutspeicher auf Spitzbergen entgegen. Eine Handvoll Paradies-Hoffnung, eine Geste der Demut vor der Natur.