Daniel Barenboim.
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BerlinZweites Abonnementkonzert der Staatskapelle in dieser Saison mit Daniel Barenboim, und man darf empfehlen – dringender noch als nach dem ersten Konzert –, möglichst keinen der künftigen Abende mehr zu verpassen. Die Zusammenarbeit zwischen Orchester und Dirigent befindet sich in einer Phase derzeit, von der man noch den Kindern und Enkeln erzählen wird.

Das Orchester hat Barenboims Art zu Musizieren so verinnerlicht, dass es sich ihrer schon gar nicht mehr bewusst zu sein scheint, eine durchaus neue Präzision im Zusammenspiel kommt hinzu, die auf gesteigerte Wachsamkeit bei Musikern wie beim Dirigenten schließen lässt. Lebendiger ist der Klang geworden, offener und wärmer, nachdem das oft neutral instrumentenhafte Auftreten dieses Orchesters Staunen, aber selten echte Begeisterung geweckt hatte.

Als Außenstehender darf man rätseln, ob sich darin eine Erleichterung ausdrückt, nachdem durch die Diskussion um Daniel Barenboims Arbeitsstil wohl Dinge auf den Tisch kamen, die länger unbearbeitet vor sich hingeschwelt hatten. Vielleicht hat sich auch Barenboims Umgang mit dem Orchester verändert. Der Ton kühler Unterwürfigkeit, der unter seinen Händen so oft entstand, ist jedenfalls einem gewichen, dem ein Gefühl der Zuneigung nicht mehr fremd ist. Vielleicht darf man bald von Liebe sprechen.

Handfester Humor und ein Schluss mit Jubeltrubel

Zu erleben war das wieder am Montagabend in der Staatsoper in einer anrührenden, aufwühlenden, äußerst exakten Wiedergabe von Camille Saint-Saëns’ „Orgelsinfonie“. Eine vielschichtige Dramatik entdeckt Barenboim im ersten Satz; der religiöse Ton im langsamen Teil – die Orgel (Christian Schmitt) koloriert ihn mit pastoralen Farben – hat eine Schlichtheit, die sich ganz natürlich aus der Abwesenheit alles Gemachten ergibt. Der zweite Satz bringt bei kernig aufspielenden Streichern handfesten Humor, der Schluss einen Jubeltrubel, der vom Dirigenten nicht weiter angeheizt wird und deshalb seine Würde behält. Das alles vorgetragen in einer Plastizität, hinter der man ein Resultat der dreißigjährigen Zusammenarbeit von Barenboim mit dem Orchester vermuten darf. Wo kann man so etwas noch erleben?

In nicht allzu günstiger Weise relativiert diese Aufführung jene von Camille Saint-Saëns’ 3. Violinkonzert zuvor mit Lisa Batiashvili. Die Schönheit, mit der sie das Stück spielt, neigt zur narzisstischen Selbstbetrachtung, auch im zweiten Satz mit seiner schlicht sich wiegenden Siciliano-Melodie hält Lisa Batiashvili an einem süßlichen Vibrato fest und einer Artikulation wie mit einem Mund voller Schlagsahne gesprochen. Eine zwingende Wirkung ergibt sich für den Hörer dadurch nicht, das Stück verharrt in einer harmlosen Virtuositäts-Salon-Ecke, in die es eigentlich nicht gehört.
Bleibt noch, auf die Fortsetzung des großen Barenboim-Staatskapellen-Romans zu verweisen: am 16. und 17. Dezember unter anderem mit Schumanns „Rheinischer“. Da ist dann fast schon Weihnachten.