Zum Neustart mit Markus Lanz möbelt das ZDF „Wetten, dass ..?“ auf, meldet der das Nachrichtenmagazin Der Spiegel: Die Bühne wird blauer, das Sofa kriegt offensichtlich Füße und soll sich „durch die Halle bewegen“, die Wettkandidaten sitzen künftig in einer Strafecke auf der Bühne. Da steckt doch sicher die RTL-Einrichtungskommandantin Tine Wittler mit ihren Handwerker-Heinzelmännchen dahinter! Wenn die schon mal da sind, können sie gleich weitermachen: Im völlig abgewohnten ZDF gibt es nämlich auch sonst noch so einige Gebrauchsspuren zu beseitigen.

Frisch tapezieren: Die Unterhaltungsshows

„Bei uns ist die klassische Unterhaltung, zum Beispiel Quiz, auch nicht mehr auf der Höhe, auf der sie früher war“, erklärte Intendant Thomas Bellut kürzlich im Interview – wobei das ungefähr genauso treffend ist wie die Behauptung, in der Wüste sei schon länger nicht mehr gegossen worden. Korrekt ist: In der ZDF-Unterhaltung herrscht große Ödnis, so wie in der ARD-Unterhaltung vor einigen Jahren, als Jörg Pilawa noch da war. Jetzt ist er beim ZDF und belegt mit unzähligen Quizvarianten, die kaum noch ein Zuschauer auseinander halten kann, sämtliche Showplätze. Und wenn Bellut das kritisiert, ist das auch deshalb erstaunlich, weil er es als Programmdirektor doch bis zuletzt in der Hand hatte, gegenzusteuern.

Neu eindecken: mit Stars

Gegensteuern ist prima – fragt sich nur, mit wem? Pilawa hat sich freiwillig die Quizfessel angelegt, Lanz moderiert ab Herbst sowieso schon fast täglich, und Carmen Nebel braucht für jede Show immer gleich ein Leihballett. Marco Schreyl wäre gerade frei. Passt doch auch: Der hat mal beim ZDF angefangen, kann nach dem Rauswurf bei „Deutschland sucht den Superstar“ jetzt teuer zurückgekauft werden und im nächsten Sommer die „Markus Lanz“-Talkvertretung „Marco Schreyl“ moderieren.

Dämmen: das Programmpersonal

Seit Bellut im März Intendant wurde, hat sich einiges an den Zuständigkeiten getan. Ex-ZDFneo-Chef Norbert Himmler ist neuer Programmdirektor und muss in den kommenden Monaten gleich mehrere Wunder bewirken: nicht nur in der brachliegenden Unterhaltung, sondern auch am Nachmittag, wo es bisher keinen Ersatz für die gefloppten Telenovelas gibt.

Noch ein Problemfall ist die Serienentwicklung. In den vergangenen Jahren wurden in Mainz fast ausschließlich Krimis im Akkord produziert, die wie inzwischen wie grob geriebener Parmesan übers Programm gestreut sind: samstagabends, dienstagabends, freitagabends, sonntagspätabends, und an allen Tagen vorabends. Der bisherige ZDF-Serienchef wird's nicht mehr richten. Klaus Bassiner wechselt zum Spartensender Servus TV. Es kann sich nur um wenige Wochen handeln, bis dort „Soko Salzburg“ auf Sendung geht.

Auch Andreas Gerling steht kurz vor dem Absprung. Im September kehrt der Programmleiter für Quiz- und Showentwicklung zu seinem alten Arbeitgeber NDR zurück. Fürs ZDF ist das kein großer Verlust – immerhin rührte Gerling in Mainz die gleiche langweilige Quizssoße an wie vorher fürs Erste. Aus Gerlings Sicht ist die Rückkehr nachvollziehbar: Programmdirektor Himmler wollte lieber jemanden von außen als neuen Unterhaltungschef. Den Job macht künftig Oliver Fuchs, bisher Geschäftsführer der Produktionsfirma Eyeworks. Die verbricht zwar RTL-Fremdschämsendungen wie „Schwiegertochter gesucht“, kann aber auch ganz seriös – zum Beispiel mit Christian Rach in dessen „Restaurantschule“. Die würde als Reality-Doku mit gesellschaftsrelevantem Hintergrund auch ganz hervorragend zum Zweiten passen. Herr Fuchs, lässt sich da was machen?

Abschleifen und lackieren: Die Nachrichten

Nachrichten werden nicht dadurch moderner, dass man sie aus einer übertechnisierten Kulisse sendet, den Moderator vor nutzlose Erklärgrafiken stellt und dem Publikum am Ende immer eine belanglose Kuriosität reinwürgt. Genau so funktionieren jedoch die „heute“-Nachrichten um 19 Uhr. In Mainz scheint das Problem zwar erkannt worden zu sein, nicht zuletzt weil „RTL aktuell“ eine Viertelstunde vorher oft mehr Zuschauer erreicht. Aber die Sendung komplett neu auszurichten hat sich auch Chefredakteur Peter Frey nicht getraut. (Wahrscheinlich weil er zuletzt zu beschäftigt war mit der Verteidigung seines „Fußballstrands“.) Dabei kriegt die Redaktion einmal pro Woche bei „heute plus“ in ZDFinfo doch ganz genau mit, was die Zuschauer wollen: die Nachrichten besser verstehen – und nicht mit Berichten aus europäischen Königshäusern oder Extremsportrekordmeldungen in den Abend hineingetröstet werden.

Wände rausreißen in der Digitalstrategie

Vielleicht sind die drei Spartensender ZDFneo, ZDFkultur und ZDFinfo auf Dauer nicht zu halten, wenn die Politik es anders will. Aber die Kreativität, mit der dort zum Teil neue Programmideen ausprobiert werden, ist der richtige Weg, um jüngere Zielgruppen zu erreichen. Ließe sich der Einfallsreichtum der Spartenteams – mit Genehmigung der Politik – besser bündeln, wäre es nicht weiter schlimm, wenn einer der drei Sender wegfiele. Sofern die guten Konzepte gerettet werden. Danach sieht es nicht aus: In Kürze wird aus Spargründen ausgerechnet das tägliche Minimagazin „Der Marker“ eingestellt, in dem sich die Zuschauer an die jungen Moderatoren bei ZDFkultur gewöhnen konnten. Da spart Bellut am falschen Ende.

Ordentlich verputzen: Das Image

„Das ZDF ist trotz eines breiten Konkurrenzangebots einer der führenden und beim Zuschauer beliebtesten Programmveranstalter“, behauptet der Sender immer noch stolz auf seiner Website. Dabei erfolgte per Zuschauerbefragung kürzlich eine dramatische Anpassung des Mainzer Selbstbilds an die Realität. Das Zweite wird vor allem als „Sender für alte Zuschauer“ wahrgenommen, kam dabei heraus. Zuschauer unter 50 fühlen sich „ausgegrenzt“. Das Programm bekam verheerende Noten.

Vielleicht reichen ein paar Renovierungsarbeiten gar nicht mehr aus, damit sich das Publikum im ZDF wieder wohlfühlt. Einrichtungsprofis wissen aus Erfahrung, dass in Extremfällen nur noch eins hilft: abreißen und neu bauen.