Am Montag erscheint ein neues Buch von Volker Braun: „Große Fuge“, mit einem aktuellen Gedichtzyklus. Unsere Bücherfrage der Woche geht an Thomas Wohlfahrt, den Leiter des Hauses für Poesie, auf dessen YouTube-Kanal der Dichter am Montagabend liest: Kann Corona Stoff für Lyrik sein?

Thomas Wohlfahrt: Natürlich. Wenn Sie wissen wollen, welche Kraft Gedichte entfalten können, dann sollten Sie sich das anschauen. Volker Braun hat immer als Zeitgenosse die Welt gelesen, er hat das, was passiert, in die Mythen der Menschheit übertragen. Seine Gedichte sind die Gerinnungsfaktoren für die großen Themen – also auch für die Pandemie.

Wir hatten Volker Braun zum Welttag der Poesie im März eingeladen, da erzählte er von der „Großen Fuge“, die noch nicht im Verlagsprogramm von Suhrkamp angekündigt war. So entschieden wir, ausführlicher zu drehen. Wir haben mit dem Foyer der Deutschen Oper einen sehr schönen Ort dafür gefunden. Volker Braun live zu sehen und zu hören, wie er sich selber ausdirigiert, in dem Rhythmus, dem hohen Ton, den er im Gedicht vorgibt – dieser Kassandra-Gestus, das ist schon ein großes Erlebnis. Das parallel zum Erscheinungstag des Buches zu zeigen auf dem #kanalfuerpoesie, war uns sehr wichtig.

Volker Braun ist mit diesem neuen Zyklus wieder so nah an den Dingen des Hier und Heute, nicht auf einer plakativen Ebene, sondern übersetzt in Kultur, in Kunstgeschichte. Wenn er schreibt: „Die Kanzlerin rät von sozialen Kontakten ab/ Streifenwagen/ schaun nach, ob noch Leben ist“, das bewegt uns doch alle seit Monaten. Oder: „Das ist deine Kunst jetzt/ Allein zu sein, mit allen, und ernst“. Bei ihm ist es überhöht, zueinander gebracht und so scharf gestellt. „EIN JAHR OHNE KUNST“, schreibt er in Versalien: Der produktive Störfaktor von Kunst ist jetzt weitgehend ausgesetzt. Ohne die neuen Technologien wären wir wirklich völlig stummgeschaltet. Auch das katastrophal.

Also, ich bin begeistert und kann das allen nur empfehlen. Auch, was im Osten geschehen oder nicht geschehen ist seit der Wende, das spielt hier im Loop rein und er verfolgt, wie aus politischen Defiziten Konflikte entstanden und aneinandergeraten sind. Wenn dann Rudolf Bahro auftaucht, lächelnd, ohne Mundschutz, „er war immun; während wir uns in Selbsthaft verfügten“ – da spielt auch die  Umweltproblematik rein. Bahro als der alte Mahner, ausgestattet mit dem weisen Lächeln der Philosophie.

Warum das Ganze bei Volker Braun Fuge heißt? Es ist die adäquate Formgebung in Bach’schen Dimensionen, in der Themen nacheinander aufgerufen und, durch alle Stimmen geführt, sich zu einem großen Gesellschaftsbild aufschichten. Eine großartige Dichtung! 

Lesung im Stream: Montag, 10.5., 19.30 Uhr, www.haus-fuer-poesie.org