Bernhard Paul und seine Tochter Lily Paul
Foto:  Christian Schulz

BerlinBernhard Paul, der Gründer und Chef vom Circus Roncalli und im Mai 73 Jahre alt, hat in den vergangenen Jahrzehnten viele traditionsreiche Zirkusunternehmungen von der Bildfläche verschwinden sehen. Er hat zwei Hauptgründe dafür ausgemacht, wie er am Dienstag in Hörweite seiner Tochter Lili Paul-Roncalli bei der Vorstellung des Programms vom diesjährigen Roncalli Weihnachtscircus im Tempodrom erzählte. Größtes Problem vieler Zirkusse, die untergingen, sei ihr starres Beharren auf dem Alten: „Man muss sich aber immer neu erfinden. Und außerdem muss es in der Familie Interesse geben, das weiterzuführen.“

Hörbar stolz erzählt Bernhard Paul, dass es ihm diese Saison gelungen sei, seine drei Kinder nach Berlin zu locken. Sie treten während des Gastspiels vom 19. Dezember bis zum 5. Januar mit eigenen und einer gemeinsamen Nummer auf. Die Kinder schnuppern in die verschiedenen Bereiche hinein. Bei Lili zeichnet sich eine Richtung für spätere Betätigungen ab: „Mir gefällt besonders der Eventbereich und alles, was mit Kostümen zu tun hat.“

„Wir sind tier- und plastikfrei. Was im Meer an Plastik herumschwimmt, ist nicht zu ertragen. Wenn man vernünftig ist, dann braucht man das nicht.“

Bernhard Paul, Gründer und Chef des Circus Roncalli

Auf einige Besonderheiten bei seinem Zirkus ist Bernhard Paul besonders stolz: „Wir sind tier- und plastikfrei.“ Mit kreativen Ideen und dem Verzicht auf Tiere schaffte er es in 145 Ländern in die Nachrichten: Mit holografischer Technik zaubert Bernhard Paul in seinem Tourneezirkus Elefanten und Pferde in die Manege. Im Zelt funktioniert das schon ganz gut und sorgt zuverlässig für Staunen, an einer Umsetzung für das viel größere Tempodrom wird noch gearbeitet. Dass es mit den Plastikverpackungen nicht so weitergehen konnte, begriff der Zirkusdirektor in seinem jährlichen Ayurveda-Urlaub in Sri Lanka: „Was dort im Meer an Plastik herumschwimmt, ist nicht zu ertragen. Wenn man vernünftig ist, dann braucht man das nicht.“ So gibt es das Popcorn bei ihm im Zirkus jetzt nicht mehr im Kunststoffschlauch: „Wir tun das in hübsch bedruckte Papiertüten, die inzwischen zu Sammlerobjekten geworden sind. Aus denen schmeckt das Popcorn sogar noch besser.“

Auch im 16. Weihnachtscircus-Jahr schafft es das hiesige Publikum noch, den Roncalli-Gründer zu überraschen. Es wurden so viele Tickets im Vorverkauf erworben wie noch nie zuvor. Fast 40 000 Karten sind schon weg, für den 26. Dezember hat der Direktor inzwischen eine zusätzliche 11-Uhr-Vorstellung angesetzt, um den Andrang bewältigen zu können. Solche Erfahrungen ermutigen ihn darin, weiter über ein Sommergastspiel in Berlin mit dem Zirkuszelt und den fast 200 historischen Zirkuswagen nachzudenken. Allerdings gibt es ein Problem, das sich in der deutschen Hauptstadt seit vielen Jahren stellt: „Wir brauchen einen passenden Platz.“ Und es geht ihm dabei längst nicht nur um eine ausreichend große Fläche, Bernhard Paul erwartet auch eine zentrale Lage. An Österreichs Hauptstadt könne man sich da gern ein Beispiel nehmen: „In Wien stehen wir auf dem Rathausplatz. Die Hürde ist also hoch.“ In Berlin gibt es einen sogenannten „Zentralen Festplatz“, der nicht zentral liegt.

Zirkus-Museum „Boulevard of broken dreams“ soll in Köln entstehen

Für ein Herzensprojekt kam Berlin nicht in die engere Wahl. Bernhard Paul besitzt eine der weltweit größten Sammlungen an Objekten mit Bezug zum Zirkus im weiteren Sinne, wozu auch das letzte Filmkostüm von Marlene Dietrich und die letzte für David Bowie extra angefertigte Gitarre gehören. Mit der Idee für ein Museum unter dem Titel „Boulevard of broken dreams“ ging Paul vor vielen Jahren erfolglos hausieren. Anfangs hieß es in Wien: Das machen wir. Dann wechselte dort die Stadtregierung. Nun entsteht dieses Haus auf dem Platz des langjährigen Roncalli-Winterquartiers in Köln. Das macht alles viel Arbeit. Bernhard Paul nennt das als Grund dafür, dass er nicht in seiner Paraderolle als Clown Zippo zum Programm von seinem Weihnachtscircus gehört. Wobei er das Vorhaben, noch mal mit seinen Kindern gemeinsam in der Manege zu stehen, nicht zu den Akten gelegt hat: „Darüber denken wir nach.“

Kai Eikermann, ein aus Berlin stammender Künstler, der seit Jahren zum Circus Roncalli gehört, wird mit dem Weihnachtscircus zum ersten Mal in seiner Heimatstadt gastieren. Bernhard Paul gerät ins Schwärmen: „Der ist unglaublich. Er hat Luft- und Raumfahrt studiert und ist bei der Breakdance-Comedy gelandet. Wir haben aber auch einen Clown, der Autodesigner war. Der hat den Ford Ka entworfen.“ Und wo wird der Zirkus 2030 oder 2040 stehen? Pauls jüngste Tochter Lili verweist auf Papas Erkenntnis: „Er muss sich immer wieder neu erfinden.“