Ein pittoreskes Dorf mit weißen Steinhäusern, mitten auf dem serbischen Land zwischen kalkigen Hügeln. Das Licht der Sonne tränkt die Felder in Gold. Doch die Ruhe trügt: In Emir Kusturicas Film „On the Milky Road“ wird es zunehmend laut.

Schnatternde Gänse baden im frischen Schweineblut, Falken tanzen zur Balkanmusik: In gewohnt skurriler Manier eröffnet der serbische Regisseur seinen Film mit einem fulminanten Tierprolog. Lauter noch wird es mit den Bomben, die auf das Dorf fallen, weil es sich an der Frontlinie des Krieges befindet.

Der Regisseur als Milchmann

Kosta, der Milchmann, den Kusturica selbst verkörpert, schlägt sich jeden Tag auf dem Rücken seines Esels, samt Regenschirm und Freund Wanderfalke auf der Schulter durch die fallenden Geschosse. Dabei wird der Krieg als Leitmotiv etabliert, doch der Film ist weniger als historische Nacherzählung zu verstehen, vielmehr als universelle Erforschung des Konflikts an sich.

Von der früheren Turnerin Milena (Sloboda Micalovic) wird Kosta als Bräutigam auserwählt. Auf einer Doppelhochzeit soll er sie heiraten, wobei Milenas Bruder Žaga (Predrag Manojlovic) – ein Kriegsveteran aus Afghanistan – wiederum der vor kurzem aus einem Heim befreiten, namenlosen Braut (Monica Bellucci) versprochen ist. Die Hochzeitsvorbereitungen laufen auf Hochtouren, doch es gibt ein Problem: Die Falschen verlieben sich, was dazu führt, dass Kosta mit der namenlosen Braut durchbrennt.

Propaganda für Miloševic

Emir Kusturica hat sich vor zwanzig Jahren mit Filmen wie „Schwarze Katze, Weißer Kater“ und „Arizona Dream“ mit Johnny Depp einen Namen gemacht, den er durch sein nationalistisches Engagement im Balkankrieg allerdings aufs Spiel setzte. Sein Film „Underground“ aus dem Jahr 1995, der in Cannes die Goldene Palme bekam, wurde verschiedentlich als Pro-Miloševic-Propaganda kritisiert.

Emir Kusturica konzentrierte sich auf die Musik, mit seinem No Smoking Orkestra gastiert er heute noch vor Zehntausenden Menschen und versteht sich dabei als „bedeutendes Phänomen der Anti-Globalisten Bewegung“. Wie bei seinen früheren Werken spielt die Musik in „On the Milky Road“ wieder eine gewichtige Rolle, sie transportiert bei Kusturica nicht nur Atmosphäre und Kultur: Die Balkanbeats umrahmen wilde Tanzszenen und wechseln mühelos zwischen Nostalgie und Aufbruchsstimmung.

Herrliche Tieraufnahmen

Auch begleiten sie die herrlichen Tieraufnahmen des Films: Wilde Schlangen und Horden an Schafen sind maßgeblich an der Flucht des Paares beteiligt. Nichts existiert hier für sich allein. Die Liebesgeschichte entfaltet sich derweil zwischen der namenlosen Braut, die immer dann, wenn sie Michail Kalatozows sowjetischen Filmklassiker „Wenn die Kraniche ziehen“ schaut, zu Tränen gerührt ist, und Kosta, dessen Leben ebenfalls tragisch war: Der Bruder war geistig gestört, dem Vater wurde während des Kriegs mit einer Motorsäge der Kopf abgetrennt.

Zwei verletzte, verletzliche Menschen also, die sich einander öffnen. Mag abgedroschen klingen, ist es aber nicht. Denn Kusturica kann neben den schrulligen Aufnahmen von verrücktspielenden, beißenden Uhren und dem dörflichen Kriegschaos etwas ganz besonders gut: Einfühlsamkeit. Man ist gerührt, wenn die Protagonisten zusammen in den Flüssen schwimmen, wenn sie im strömenden Regen unter einer großen alten Eiche stehen. 

Ein Huhn im Spiegel

Oder wenn inmitten des Krieges, nachdem Kostas Ohr abgeschossen wurde, ein weißer Schmetterling aus dem Brunnen fliegt. In „On the Milky Road“ koexistiert die Brutalität des Krieges auf sehr unmittelbare Weise mit Schönheit und Liebe.

Eine emotionale, geradezu poetische Filmsprache, die jedoch nicht in den Kitsch abdriftet, auch dann nicht, wenn Kusturica computer-animierte Vögel in den Himmel steigen lässt. Ein Universum, das sich den humorvollen Details verschrieben hat, ob es ein Huhn ist, das gegen sein eigenes Spiegelbild anspringt um ein Ei zu legen, oder das Ophelia-artige Brautkleid, das in der Strömung davon schwimmt.

On the Milky Road, Serbien /Großbritannien / USA 2016, Regie: Emir Kusturica, Darsteller: Emir Kusturica, Monica Bellucci, Farbe, 125 Minuten, FSK: 16.