Die deutsch-türkische Sängerin Derya Yildirim beim Konzert im Haus der Kulturen der Welt.
Foto: Sebastian Bolesch/Haus der Kulturen der Welt

BerlinAuch das dritte Wochenende der „20 Sunsets“- Konzertreihe auf der Dachterrasse des Hauses der Kulturen der Welt (HKW) war von ungetrübten Sonnenunter- sowie zeitgleichen Mondaufgängen gerahmt. Drückten die am Freitagabend zahlreich konsumierten Aperol-Spritz-Mischgetränke die Zuhörer noch nicht fest genug in die Corona-gerecht voneinander distanzierten Sitzgelegenheiten, tat es eben die Schönheit jener Himmelskörperdialektik, die im Übrigen den Kontrast der beiden Musikdarbietungen stringent untermalte.

So trat zunächst die in Hamburg geborene Multiinstrumentalistin und Sängerin Derya Yildirim auf und bot eine Sammlung anatolischer Lieder und Tänze dar, die sie auf Gesang und ihr nuanciertes Spiel auf der Bağlama reduzierte.

Yildirim, die unter anderem auch Klavier, Saxofon und Gitarre spielt, ist sonst oft mit ihrer Band Grup Şimşek anzutreffen, mit der sie türkische Volksmusik in psychedelische 60er-Jahre Sounds kleidet und so eine alte türkisch-popkulturelle Tradition fortführt. Dabei entfaltete Yildirims Solo-Set einen ganz besonderen Sog. Durch ihr dynamisch äußerst differenziertes Spiel holte sie etwa aus einem in der Ägäis populären Zeybek-Tanz ganze Räume voll melancholisch-lustvoller Stimmungen hervor, wie sie von einer Rockband vielleicht weniger nuanciert aufgeführt worden wären. Ihre sehnende, aber nie schmachtende Singstimme tat ihr Übriges: Derya Yildirim ist eine große Künstlerin.

Klang hier also ein weiter, ferner Abendhimmel an, so sah man sich im anschließenden Konzert eher mit der Decke einer unrenovierten Altbauwohnung am Prenzlauer Berg gegen Ende der 90er-Jahre konfrontiert. Seit einem Vierteljahrhundert bespielt die ursprünglich aus Marburg stammende, 1994 nach Berlin gezogene Kirsten Hahn unter dem Namen Kitty Solaris beharrlich die Wohnzimmer-Pop-Szene unserer Stadt. Dabei bricht sie den großen Gestus von Künstlerinnen wie Patti Smith oder PJ Harvey auf die 3-Meter-Bühne des Schokoladen in Berlin-Mitte herunter, wo sie seit jeher regelmäßig gastiert und Konzertabende ihres eigenen Labels Solaris Empire kuratiert.

Implizierte Yildirims Darbietung über weite Strecken des Abends ein Sehnen nach großer, undefinierter Erfüllung, schien Solaris am Freitagabend in ihren Liedtexten explizit nach konkreteren Etappenzielen auf dem Weg ins Glück Ausschau zu halten: nach Urlaub etwa, oder auch nach Regen. Hierzu spielte sie zunächst Gitarre im 90er-Jahre-Indierock-Stil, allerdings, den Gegebenheiten geschuldet, in recht geringer Lautstärke. Auch die in der zweiten Hälfte ihres Sets abgespielten Electro-Disco-Playbacks ihres aktuellen Albums „Sunglasses“ wirkten so eher domestiziert und stimmten uns behutsam auf die daheim vorzufindende, andauernde Corona-Realität ein.

Alle weiteren Konzerte und das ganze Programm der Reihe „20 Sunsets“ finden sich online.